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Zehntausende bei Kundgebung : „Leute, wir wollen doch einfach ehrliche Wahlen“

Menschenrechtler zählten im Völkerfreundschaftspark der belarussischen Hauptstadt am Donnerstag mindestens 63.000 Menschen. Bild: EPA

In Minsk sind Zehntausende zusammengekommen, um die Oppositionskandidatin für die Präsidentenwahlen zu unterstützen. Viele sagten, sie seien gekommen, um ein besseres Land für ihre Kinder zu schaffen.

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          Trotz der Einschüchterungsversuche des Regimes von Präsident Alexandr Lukaschenka sind am Donnerstagabend in Minsk Zehntausende zusammengekommen, um die Oppositionskandidatin für die Präsidentenwahlen in Belarus am 9. August Swetlana Tichanowskaja zu unterstützen.  Menschenrechtler zählten im Völkerfreundschaftspark der Hauptstadt mindestens 63.000 Menschen. Laut dem Newsportal Tut.by handelte es sich bei dem Wahlkampfauftritt um die größte Versammlung in der 1991 begonnenen Geschichte des unabhängigen Belarus. Die Stimmung war euphorisch, etliche Teilnehmer sagten, sie seien gekommen, um ein besseres Land für ihre Kinder zu schaffen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Tichanowskaja ist die Frau des seit zwei Monaten unter dem Vorwurf der Planung von Ordnungsverstößen inhaftierten Bloggers Sergej Tichanowskij. Lukaschenkas Ermittler verbinden ihn seit Donnerstag auch mit der jüngsten Festnahme von 33 russischen Söldnern in Belarus. Gegen die Männer wird wegen Vorbereitung von Terroranschlägen und „Massenunruhen“   ermittelt; dieser zweite Vorwurf wird jetzt auch gegen Tichanowskij erhoben.

          „Mein Gott, was für eine Revolution?“

          Dessen Frau sagte im Völkerfreundschaftspark, niemand glaube, dass die Kämpfer eigens für die Wahlen nach Belarus geschickt worden seien. Die Machtvertreter sprächen von einem drohenden Umsturz. „Mein Gott, was für eine Revolution?“, fragte Tichanowskaja. „Leute, wir wollen doch einfach ehrliche Wahlen. Was für eine Revolution? Warum provoziert ihr euer eigenes Volk? Wir brauchen überhaupt keine Kämpfer. Wir sind friedliche Leute.“

          Tichanowskaja rief dazu auf, die Medienberichte zu prüfen, nach denen die Söldner des notorischen russischen privaten Militärunternehmens „Wagner“ Minsk als Durchgangsstation auf dem Weg an Einsatzorte in Syrien und in afrikanischen Ländern wie Libyen und Sudan nutzten. Diese Berichte hatte kurz vor der Minsker Wahlkampfveranstaltung das russische Außenministerium bestätigt: Die Gruppe von 33 russischen Bürgern habe aus Minsk nach Istanbul fliegen wollen und alle Tickets und nötigen Dokumente dafür gehabt. Doch dann sei die Gruppe „aus unbekanntem Grund“ nicht an Bord des Fluges gelangt und gezwungen gewesen, auf neue Tickets eines belarussischen Unternehmens zu warten, teilte das Ministerium in Moskau mit.

          Es rügte, die „ominöse Deutung“ der belarussischen Seite „hält keinerlei Kritik stand“. Schon bei früheren Wahlen 2006 und 2010 sowie bei sozialen Protesten 2017 hatten die belarussischen Staatssicherheitskräfte undurchsichtige Geschichten über Bewaffnete, Anschlags- und Umsturzpläne verbreitet: auch deshalb ließ sich die Minsker Menge von den neuen Berichten nicht abschrecken.

          Auftritt mit den Vertreterinnen der beiden ausgeschlossenen Kandidaten

          Wie stets in den vergangenen, von umjubelten Auftritten in großen und kleinen Städten des Landes geprägten zwei Wochen, trat Tichanowskaja mit den Vertreterinnen der beiden ausgeschlossenen Kandidaten Viktor Babariko und Valerij Zepkalo auf. Sie versprach der Menge für den Fall ihrer Wahl zur Präsidentin freie und faire Neuwahlen binnen sechs Monaten. Zuvor würden alle politischen Gefangenen freigelassen, zu denen neben Tichanowskajas Gatten auch der langjährige Banker Babariko zählt. Dessen Stabschefin, Marija Kolesnikowa, sagte von der Bühne, „solche Belarussen wie uns brauchen die Machthaber nicht, solche Belarussen sind schwer zu lenken“.

          Veronika Zepkalo, die Frau des nach Moskau geflohenen Kandidatenanwärters, sagte bei ihrem tränenreichen Auftritt, man sei der Grobheiten des Regimes müde und wolle einen Wandel. Die Menge reagierte begeistert, schwenkte Fahnen und, in der Abenddämmerung, Smartphones mit aktivierter Taschenlampenfunktion. Sicherheitskräfte hatten wegen der angeblich drohenden Anschlagsgefahren – nach offizieller Darstellung wird nach mehr als 170 weiteren russischen Söldnern gefahndet – die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt und mobile Arrestbusse bereitgestellt, zu Festnahmen kam es aber, soweit bekannt, nicht. 

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