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Kampfeinsatz am Hindukusch : Zahl der durch Bundeswehr getöteten Afghanen unklar

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Deutscher Soldaten an einer Maschinenpistole während eines Tiefflugs über Mazar-i-Sharif im Dezember 2014 Bild: AP

Die Zahl der in Afghanistan ums Leben gekommenen deutschen Soldaten ist genau bekannt, doch wie viele Afghanen die Bundeswehr getötet hat, ist unklar. Die Linkspartei kritisiert, die Bundeswehr schaue „systematisch weg“.

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          Die Bundeswehr hat in den letzten fünf Jahren ihres Kampfeinsatzes in Afghanistan für einen von ihr getöteten und vier verletzte Zivilisten Entschädigungen gezahlt. Ob damit alle Fälle erfasst sind, kann das Verteidigungsministerium aber nicht mit Sicherheit sagen. „Es liegen der Bundesregierung keine belastbaren Statistiken vor, die Aufschluss über die insgesamt unter Beteiligung deutscher Einsatzkräfte getöteten oder verletzten Personen geben“, heißt es in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

          Darin weist das Verteidigungsministerium aber Vorwürfe zurück, die Bundeswehr habe bei ihrer größten Offensive gegen die radikalislamischen Taliban im Herbst 2010, der Operation „Halmasag“ (Dari für Blitz), Zivilisten getötet. „Im Zuge der Operation Halmasag wurden durch die Isaf-Kräfte keine eigenen Erkenntnisse vor Ort gewonnen, die auf durch Waffeneinwirkung deutscher Soldaten zurückzuführende zivile Opfer hindeuteten.“

          Vier „Personenschäden“

          Das Ministerium hatte Ende Januar eine Liste mit 186 Zahlungen für von der Bundeswehr zwischen 2010 und 2014 im Afghanistan-Krieg verursachte Schäden veröffentlicht. Sie betreffen vor allem Sach- und Flurschäden sowie getötete und verletzte Tiere. Vier Mal zahlte die Bundeswehr für „Personenschäden“ zwischen 1500 und 7900 Dollar. In der Antwort auf die Anfrage des Linken-Politikers Jan van Aken nennt das Ministerium nun die konkreten Fälle:

          - Am 15. Januar 2010 nähert sich ein Kleinbus einem Kontrollpunkt der Bundeswehr, ein Warnschuss trifft einen Mann in dem Fahrzeug am Bein. Er erhält 1750 Dollar (heute 1631 Euro) Entschädigung.

          - Am 17. Januar 2010 schert ein Fahrzeug an einer Straßensperre aus. Auf Warnschüsse folgen Schüsse auf Motorblock und Windschutzscheibe. Der Fahrer stirbt später an den Verletzungen, der Beifahrer wird verletzt. Es werden 7900 Dollar (7285 Euro) Entschädigung gezahlt.

          - Am 7. April 2010 feuert ein Scharfschütze der Bundeswehr bei einer Patrouille einen Warnschuss auf einen Mann ab, der sich verdächtig verhält. Später meldet sich jemand mit einer Schussverletzung am Fuß und erhält 1500 Dollar (1383 Euro) Entschädigung.

          - Am 13. November 2010 hält nachts ein Traktor in der Nähe eines Checkpoints. Männer beginnen hinter dem Fahrzeug zu graben. Die Bundeswehr gibt Warnschüsse ab und schießt dann auf die Scheinwerfer des Traktors. Ein Mann erhält später 2000 Dollar (1844 Euro) für eine Verletzung am Oberschenkel.

          Tanklaster in Kundus bombardiert

          Die Jahre 2010 und 2011 waren die Zeit der schwersten Kämpfe für die Bundeswehr in Afghanistan. Der mit Abstand größte Entschädigungsfall ereignete sich aber im September 2009. Bei einer von der Bundeswehr veranlassten Bombardierung zweier Tanklaster in der Unruheprovinz Kundus wurden etwa 100 Menschen getötet. Die genaue Zahl ist bis heute unklar. Auch der Anteil der Zivilisten ist unbekannt.

          Den Familien von 90 Opfern wurden jeweils 5000 Dollar (4611 Euro) ausgezahlt. Hinzu kamen 135 000 Euro „Winterhilfe“. Es handelt sich in allen Fällen um freiwillige Kompensationszahlungen, die kein Schuldeingeständnis bedeuten. Zur Höhe der Entschädigung läuft immer noch ein Rechtsstreit. In erster Instanz scheiterte die Klage auf höhere Entschädigung. Die Berufungsverhandlung findet an diesem Donnerstag in Köln statt.

          Van Aken warf der Bundesregierung mangelnden Aufklärungswillen vor. „Bis heute weiß die Bundesregierung angeblich nicht, wie viele zivile Opfer der Bundeswehreinsatz gekostet hat“, sagte er. „Die Bundeswehr schaut systematisch weg, wenn es um zivile Opfer geht.“

          Der Kampfeinsatz gegen die Taliban dauerte 13 Jahre. 55 deutsche Soldaten kamen dabei ums Leben, 35 von ihnen bei Anschlägen oder in Gefechten. Ende vergangenen Jahres wurde der Kampfeinsatz durch eine Mission zur Ausbildung der afghanischen Streitkräfte ersetzt.

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