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Yukos-Affäre : Räuber, Wohltäter, liberaler Rebell

Hinter diesen Mauern sitzt Chodorkowskij, obwohl er zweimal gewarnt wurde Bild: AP

Der russische Ölmilliardär Chodorkowskij wollte sich vom Gängelband des Kremls lösen. Jetzt haben Putins Tschekisten zurückgeschlagen.

          Wann man beschlossen hat, ihn fertigzumachen, ist nicht bekannt. Schon Monate vor dem ersten Schlag gegen seinen Konzern im Sommer hätten die Chefs aus den Moskauer Machtministerien die Attacke beschlossen, sagt Michail Borisowitsch Chodorkowskij. Der reichste Mann Rußlands sitzt seit einer Woche in einer Zelle im Moskauer Untersuchungsgefängnis "Matrosenruhe". Seine Aktien sind beschlagnahmt. Wie es mit Yukos, dem von ihm geführten größten Ölkonzern des Landes, weitergehen wird, weiß niemand zu sagen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Was den Angriff des Kremls auf den Konzernchef auslöste, ist unbekannt. Vielleicht war es jener Abend im Februar, als Putin die "Oligarchen" zu sich in den Katharinensaal des Kremls geladen hatte. Chodorkowskij verletzte die Etikette. In der Regierung gebe es korrumpierte Leute, die man entlassen müsse, forderte er. Im gleichen Atemzug griff er den staatlichen Ölkonzern Rosneft an, weil der beim Kauf der Firma kräftig geschmiert habe. Als er verlangte, der Wirtschaftsminister solle der Sache nachgehen, riß Putin der Geduldsfaden. Die Ölreserven des staatlichen Konzerns seien weit geringer als die von Yukos. "Aber wie Sie Ihr Öl bekommen haben, das ist eine große Frage."

          Sahnestücke für Spottbeträge

          Daß einer sich als Richter aufzuschwingen traute, dessen privater Reichtum von acht Milliarden Dollar kaum auf ehrliche Weise entstanden ist, war dem russischen Präsidenten zuviel. So unklar, wie er tat, ist der Werdegang des Michail Chodorkowskij indes nicht. Aufgewachsen in sowjetisch-bürgerlichen Verhältnissen einer Moskauer Ingenieursfamilie, hatte er mit 23 Jahren das Moskauer Mendelejew-Chemieinstitut abgeschlossen und machte Karriere im kommunistischen Jugendverband, ungeachtet einer wenig hilfreichen jüdischen Herkunft. Als die Perestrojka losbrach, erkannte er rasch die neuen Möglichkeiten. Er handelte mit Cognac, importierten Computern und in Kellerfabriken illegal produzierten Jeans. Das Geld steckte er in eine der ersten privaten Banken in der Sowjetunion, deren Direktor er wurde: Menatep. Wie andere Oligarchen nutzte Chodorkowskij sie dafür, um dem zerfallenden Staat für Spottbeträge die Sahnestücke der russischen Wirtschaft zu entreißen.

          Die guten Kontakte in die Regierung halfen dabei. So erwarben Chodorkowskij und seine Partner Mitte der neunziger Jahre in fingierten "Versteigerungen" für 350 Millionen Dollar das Ölunternehmen, dessen Wert damals schon auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt wurde. Nach der Finanzkrise des Jahres 1998 brachte Chodorkowskij die Kontrolle über den Konzern ganz in seine Hände. Minderheitsaktionäre wurden mit unfeinen Methoden aus dem Geschäft gedrängt.

          Chodorkowskij setzte auf Transparenz

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