https://www.faz.net/-gpf-80exz

Youtube-Hit : Ihr Teufel, kehrt zu Allah zurück!

  • -Aktualisiert am

Eine syrische Großmutter argumentiert gegen den Islamischen Staat. Bild: Screenshot von Youtube

Eine syrische Greisin legt sich mit zwei angeblichen IS-Kämpfern an. Sie argumentiert mit Suren aus dem Koran, doch die IS-Kämpfer verstehen nur „Poesie“.

          3 Min.

          Die Greueltaten des „Islamischen Staates“ (IS) scheinen von Woche zu Woche zu eskalieren; es sieht so aus, als wollten die selbsternannten „Gotteskrieger“ durch systematischen Terror auch noch den letzten Widerspruch in der Bevölkerung ersticken. Doch ausgerechnet eine Greisin ließ sich davon nicht beeindrucken. Im Internet, auf YouTube, hat eine etwas länger als dreieinhalb Minuten dauernde, offenbar aus Syrien stammende Sequenz für Aufsehen gesorgt: Sie zeigt, wie sich die alte Frau mit zwei vermeintlichen IS–Kämpfern anlegt, die mit ihrem Wagen auf der Straße ihres Heimatorts stehen und die Begegnung aufnehmen.

          Ob es sich dabei tatsächlich um Islamisten handelt, weiß man nicht. Dagegen spricht, dass die beiden die Aufnahme, in der der IS ziemlich schlecht wegkommt, ins Netz gestellt haben. Vielleicht dachten sich zwei IS-Kämpfer aber auch, die alte Frau werde in ihrem Zorn ohnehin als „Verrückte“ angesehen und haben den Film zur Belustigung veröffentlicht.

          Auf jeden Fall hielt die Greisin die beiden Männer für IS-Leute. Denn ungeachtet der Gefahr, die ihr droht, begann sie, die zwei Männer erst zu beschwören, dann zu beschimpfen. Was sich zunächst wie ein hysterisches Keifen und Schimpfen einer zahnlosen Greisin anhört, ist eine handfeste und couragierte Verfluchung der terroristischen Gewalt des IS durch eine muslimische Frau.

          Die Greisin zitiert Suren aus dem Koran

          Es ist eine bizarr anmutende, doch auch zutiefst berührende Szene, in der die alte Frau immer wieder mutig auf die angeblichen IS-Leute einredet, sie möchten zu Gott zurückkehren. Wörtlich: „O ihr Teufel, Kehrt zu Allah zurück, auf den Pfad Allahs zurück, meine Enkel!“ Dann spielt sie auf die Ermordeten an, Syrer und Kurden. Und sie erweist sich als eine Muslimin, die ihren Koran kennt, denn sie haut den beiden Männern immer wieder Koranverse um die Ohren. Ihre Korankenntnis übersteigt offenkundig das übliche Maß. Vielleicht ist sie eine Hafiza, das heißt eine Frau, die das heilige Buch des Islam mit allen 114 Suren und mehr als 6000 Versen auswendig kennt. So zitiert sie etwa Sure 49, Vers 10 „Und fürchtet Gott (oder: seid barmherzig), wenn ihr Seine Gnade empfangen wollt“ und viele andere Koranstellen spontan aus dem Gedächtnis.

          Das Video zeigt, dass die beiden vermeintlichen IS-Kämpfer ziemlich überrascht sind von den Worten und dem Groll der alten Frau. Sie bezeichnen sie als „Großmutter“, während deren Stimme und ihr Gesichtsausdruck mehr und mehr von Zorn erfüllt sind. So etwas ist den beiden offenkundig noch nicht untergekommen. Am Anfang reden sie noch mit der Frau und wollen sich irgendwie rechtfertigen. Was sie denn meine, fragen sie, alles sei doch in Ordnung zwischen ihnen, oder? Doch furchtlos beharrt die Greisin auf ihrer Meinung: „Ich schwöre, nichts, was ihr getan habt, geschah auf dem Wege Gottes.“ Und: „Gott sieht, was ihr tut.“ „Wo ist Gott?“, fragt einer der beiden überrascht und zynisch. Dann lacht einer; die Männer unterbrechen sie schließlich mit barschen Worten: „Hau ab, Großmutter, wir haben keine Zeit.“

          „Ihr werdet keinen Erfolg haben“

          Doch die alte Frau hat die entsprechenden Antworten parat: „Tötet nicht, und niemand wird euch töten. Das alles ist verboten (haram).“ Sie zitiert etliche andere Stellen des Korans, so Sure 7, Verse 40/41: „Denjenigen, die sich als hochmütig, als arrogant, erweisen und die sich abwenden, werden die Himmelstore nicht geöffnet, und sie gehen nicht ins Paradies ein, bevor denn ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, so belohnen Wir die Missetäter; Ihnen werde die Hölle zur Lagerstatt.“ Dazu Sure 4, Vers 114: „Nichts Gutes findet sich in ihren geheimen Beratungen, außer wenn jemand zu Almosen, zu einer guten Tat oder zu Frieden zwischen den Menschen aufruft. Und wer dies im Trachten nach Allah Huld tut, wahrlich, dem werden wir gewaltigen Lohn geben.“

          Das erscheint den beiden angeblichen Terroristen wie Poesie. „Die Großmutter ist eine Dichterin“, sagt einer. Vielleicht kennt er all diese Verse des Korans gar nicht, könnte man daraus schließen. Selbst wenn es tatsächlich IS-Kämpfer sind, ist das nicht unwahrscheinlich. Die religiöse Bildung vieler IS-Kämpfer ist, wie es heißt, oft eher rudimentär.

          Deutlich äußert sie ihre Meinung zu den Vorgängen in Syrien. Der Islamische Staat sei ein Fluch und der IS selbst sei verflucht; und: „Ihr werdet keinen Erfolg haben, alles ist das Gleiche. Es wird uns nur zurückwerfen. Das Regime von Baschar al Assad und der Islamische Staat sind Sch...“

          Die Aufnahme sorgt für großes Aufsehen unter Muslimen. Sie nehmen diese mutige alte Frau sehr ernst. Vor allem wohl auch, weil sie sich als so korankundig erwiesen hat. Niemand weiß, was mit ihr geschah, ob sie mit dem Leben davongekommen ist, oder ob die beiden „Kämpfer“ sie erschossen haben und dann weiterfuhren, um ihr blutiges Handwerk fortzusetzen.

          Weitere Themen

          Wie kann Armut gelindert werden?

          Nobelpreis für Wirtschaft : Wie kann Armut gelindert werden?

          Esther Duflo aus Frankreich ist die zweite Frau in der Riege der Wirtschaftsnobelpreisträger. Wie Abhijit Banerjee aus Indien und der Amerikaner Michael Kremer forscht sie daran, wie die globale Armut gelindert werden kann – und soll.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.