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Wut über Corona-Opfer : Wuhans Wunden

Eine Patientin wird Ende Januar im Red Cross Hospital in Wuhan eingeliefert. Bild: AFP

In der Stadt, in der die Corona-Pandemie ihren Ausgang nahm, haben viele Chinesen einen schlimmen Verdacht: Mussten ihre Angehörigen sterben, damit Jüngere gerettet werden konnten? In den Statistiken tauchen sie nicht auf.

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          „Ich könnte kotzen, wenn ich das Wort Helden höre“, sagt Zhong Ming und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Der Taxifahrer hat seinen Wagen auf einem Parkplatz abgestellt, die Innenkamera ist ausgeschaltet. Helden? Chinas Propaganda hat Wuhan zur Heldenstadt erklärt. Das Wort Helden ist in der Stadt jetzt allgegenwärtig. In Zhongs Ohren klingt es wie Hohn, wie Leichenfledderei. „Wir sind keine Helden, wir sind Opfer“, sagt er. Die Stadtoberen sind in seinen Augen „Mörder“. Zhong wirft ihnen vor, seine Mutter umgebracht zu haben. Sie war erst 64 und bei bester Gesundheit, bevor die Seuche sie dahingerafft hat. Das war am 8. Februar um kurz nach 22 Uhr. Dabei war die Familie noch eine Stunde vorher voller Hoffnung gewesen. Die Mutter hatte endlich ein Bett im Xiehe-Krankenhaus ergattert, nachdem sie elf Tage lang tagtäglich zehn Stunden in Warteschlangen und Wartesälen von sechs verschiedenen Krankenhäusern ausgeharrt hatte.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die Erleichterung war so groß, dass Zhong Ming sogar ein Video gemacht hat. Davon, wie seine Mutter, eine zierliche Person, in dem Bett liegt und in die Kamera schaut. Neben ihr steht ein Sauerstoffgerät, das ein Freund gespendet hat. Doch dann zeigt das Video, wie plötzlich die rote Alarmlampe des Herzfrequenzmessers zu blinken beginnt. Zhong Ming wird aus der Intensivstation geschoben. Das nächste Video auf seinem Smartphone zeigt den Leichenwagen, der seine Mutter abgeholt hat. „Der Arzt hat mir nicht mal erlaubt, sie noch einmal zu sehen“, sagt Zhong, der eigentlich anders heißt. Der Arzt habe gesagt, er solle nicht weinen, weil das Virus über die Augen eindringen könne, wenn er sich die Tränen abwischt. Er tat es trotzdem.

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