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Wulff zu Besuch bei Abdullah Gül : Der Gastgeber

  • -Aktualisiert am

Abdullah Gül kommt bei vielen im Ausland entschieden besser an als Erdogan Bild: REUTERS

An diesem Dienstag wird Bundespräsident Wulff vom türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül empfangen. Unmittelbar zuvor hatte Gül, der aus einfachen Verhältnissen in Anatolien stammt, seine Landsleute in Deutschland aufgefordert, „akzentfrei“ Deutsch zu lernen.

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          An einem 28. August, dem Geburtstag Johann Wolfgang Goethes, wurde er Staatspräsident seines Landes; seither, das heißt seit nun drei Jahren, ist Abdullah Gül auch Oberbefehlshaber der Armee. Diese hatte fast bis zuletzt versucht, seine Wahl zu verhindern, denn erstmals seit Gründung der Republik 1923 ist ein Mann Staatsoberhaupt der Türkei, der seinen politischen Werdegang – wie übrigens auch der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan – beinahe ganz in den islamistischen Parteien des Landes absolvierte. Er war lange Anhänger des inzwischen 84 Jahre alten Urgesteins dieser Richtung, Necmettin Erbakan. Gül gehört also nicht der kemalistischen Staatselite an, die bis zur Wahl 2002 das Land beherrschte. Auch deshalb polarisiert seine Person.

          Die Person Goethes, des größten deutschen Dichters, wird freilich bei dem in dieser Woche stattfindenden Besuch des Bundespräsidenten Christian Wulff in der Türkei weniger Gesprächsstoff bieten als die aktuelle Diskussion über Integration in Deutschland und, natürlich, die Frage des EU-Beitritts Ankaras. Unmittelbar vor Ankunft des deutschen Besuchers mahnte Gül die Türken, sie sollten sich in die deutsche Gesellschaft integrieren und „akzentfrei die deutsche Sprache“ erlernen. Mit der Vokabel „akzentfrei“ ging er weiter als Europaminister Egemen Bagi, der sich zuvor ähnlich geäußert hatte.

          „Islamischer Calvinismus“

          Abdullah Gül, Jahrgang 1950, wird den Bundespräsidenten auch in Kayseri begleiten. Diese geschichtsträchtige Stadt, in der geographischen Mitte Anatoliens gelegen, ist seine Heimat. Hier wurde er als Sohn kleiner Leute geboren. Gül entstammt jenem Milieu, für dessen Mentalität man vor einiger Zeit den Ausdruck „islamischer Calvinismus“ geprägt hat: Arbeit ist Gottesdienst; wer fleißig ist, steigt auch auf. Gül hat das befolgt. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Istanbul und später in London und Exeter. Neben der arabischen Sprache, die ihn als überzeugten Muslim fesselt, spricht er fließend Englisch. Seine politische Heimat fand er in den Parteien Erbakans, die immer wieder verboten wurden, die sich aber unter geändertem Namen auch immer wieder neu gegründet hatten. Zuletzt war dies die Fazilet- oder Tugendpartei. Immer dabei war auch Erdogan – bis beide 2001 die Partei für Gerechtigkeit und Aufbau (AKP) ins Leben riefen. Sie gilt als islamisch-konservativ, hat jedoch einen religiösen, einen nationalen und einen wirtschaftsliberalen Flügel. Nach dem Wahlsieg der AKP 2002 wurde Gül zunächst Ministerpräsident, bis Erdogan im Jahre 2003 übernehmen konnte.

          Das Tandem Gül-Erdogan steht – zusammen mit den beiden „Ersten Damen“ des Landes, den Kopftuchträgerinnen Hayrünnisa Gül und Emine Erdogan – für eine Premiere im Land Kemal Atatürks – zum Schrecken jener, die um den säkularen Charakter der Türkei fürchten. Freilich ist dabei auch ein gerüttelt Maß an Enttäuschung über den Machtverlust der alten Elite im Spiel. Gül, der sprachgewandter ist, kommt bei vielen im Ausland entschieden besser an als der sperrige Ministerpräsident Erdogan.

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