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Video über Strache : Ausschweifender Abend mit politischem Sprengstoff

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Screenshot aus dem heimlich gefilmten Video aus dem Jahr 2017 mit den FPÖ-Politikern Strache (vorn) und Gudenus (stehend) Bild: dpa

In dem heimlich auf Ibiza gefilmtem Video redet sich FPÖ-Frontmann Strache um Kopf und Kragen. Nach seinem Rücktritt verharmlost er das Ganze als „besoffene Geschichte“.

          Es sieht nach einem gemütlichen Abend in trauter Runde aus: Auf dem Tisch stehen Gläser und Flaschen, die Herren tragen alte Jeans und schlabbrige T-Shirts, und einer knabbert ungeniert an seinen Nägeln. Er redet fast ununterbrochen, schmeißt sich mal entspannt gegen die Rückenlehne des Sofas, sitzt dann wieder kerzengerade und gestikuliert wild. Das aber, was er sagt, birgt politischen Sprengstoff.

          Es ist Juli 2017, drei Monate vor der Parlamentswahl in Österreich, und bei dem Redner handelt es sich um den rechtspopulistischen FPÖ-Spitzenkandidaten Heinz-Christian Strache - den späteren Vizekanzler Österreichs - und seinen Parteifreund Johann Gudenus, den späteren Fraktionschef der stramm rechten Partei. Die Szene stammt aus einem Video von einem Treffen der beiden mit einer angeblichen russischen Oligarchen-Nichte auf Ibiza, das „Süddeutscher Zeitung“ und „Spiegel“ zugespielt wurde.

          Bei der Nichte handelt es sich in Wirklichkeit um einen Lockvogel, der Strache und Gudenus ein unmoralisches Angebot unterbreitet - auf das beide laut Video begeistert eingehen: Die Frau bietet laut „SZ“ an, ein paar hundert Millionen Euro in Österreich zu investieren - und dabei mit der FPÖ zusammenzuarbeiten.

          Dazu gehört laut „SZ“ und „Spiegel“ auch das Angebot, die Hälfte des einflussreichen österreichischen Boulevardblatts „Kronen Zeitung“ zu kaufen und mit Hilfe des Blatts Strache und FPÖ im Wahlkampf zu unterstützen. Strache wirkt in dem Video angesichts der Idee ganz aufgekratzt. Mit heftiger Gestik stellt er sich vor, was dann geschieht: „Wenn sie wirklich die Zeitung vorher übernimmt (...) dann passiert ein Effekt, den die anderen ja nicht kriegen, wenn DAS Medium zwei, drei Wochen vor der Wahl, DIESES Medium, auf einmal uns pusht (...) dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34“ Prozent.

          In Worten und Gesten, die aus einer Satire-Sendung stammen könnten, träumt Strache gleich von einer feindlichen Mit-Übernahme der Zeitung durch die FPÖ: Sobald sich die vermeintliche Oligarchen-Nichte in das Blatt eingekauft habe, „müssen wir ganz offen reden. Dann müssen wir uns zusammenhocken, müssen sagen: So, da gibt es bei uns in der Krone: zack, zack, zack. Drei, vier Leute, die müssen gepusht werden, drei, vier Leute, die müssen abserviert werden. Und wir holen gleich noch mal fünf neue rein, die wir aufbauen. Und das ist der Deal.“

          Dass ein Deal auf Gegenseitigkeit beruht, scheint auch Strache klar zu sein - er sagt der Russin für ihre mögliche mediale und finanzielle Unterstützung im Wahlkampf zu, ihr staatliche Aufträge zuzuschanzen, sollte er tatsächlich an die Regierung kommen.

          In dem Video klingt das dann so: „Das erste in einer Regierungsbeteiligung, was ich zusagen kann, ist: Der Haselsteiner (ehemaliger Chef des Bauunternehmens Strabag) kriegt keine Aufträge mehr. (...) Wenn da eine Qualität da ist und ein qualitativer Anbieter da ist, dann bin ich der Erste, der sagt (...) dann sag ich ihr, dann soll sie nämlich eine Firma wie die Strabag gründen. Weil alle staatlichen Aufträge, die jetzt die Strabag kriegt, kriegt sie dann.“

          Heikel sind auch Straches Aussagen zu verdeckten Wahlkampfspenden. Er will nicht, dass die angebliche reiche Russin direkt spendet, sondern - in Umgehung des Parteiengesetzes - an einen „gemeinnützigen Verein“ spendet, wie das nach seiner Aussage auch andere „sehr Vermögende“ täten.

          Und dann nennt er Namen von prominenten Unterstützern, die das so machten, wie etwa der Waffenhersteller Gaston Glock, die Kaufhaus-Erbin Heidi Horten, der Immobilienmilliardär René Benko - „der die ÖVP und uns zahlt“ - sowie der Glücksspielkonzern Novomatic - „zahlt alle“. Alle Genannten haben allerdings inzwischen dementiert.

          Am Samstag bezeichnete Strache das heimlich gefilmte und eine Woche vor der Europawahl lancierte Video als eine „Schmutzkübel-Aktion“ und „ein gezieltes politisches Attentat“ gegen ihn - und verkündete seinen Rücktritt als Vize-Kanzler und FPÖ-Chef.

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