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WM in Brasilien : Wo sind all die Demonstranten hin?

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Ein weiterer Grund, weshalb vor allem aus der jungen, gut gebildeten Mittelschicht, die im vergangenen Jahr das Fundament der Massenproteste bildete, in den vergangenen Monaten immer weniger auf die Straße gingen ist die Angst vor Gewalt. Auf der einen Seite stehen da die „Black Blocs“, vermummte Halbstarke, Schüler, Studenten, die sich selbst als Anarchisten bezeichnen und von sich sagen, dass sie die Demonstranten vor der Gewalt der Polizei schützen wollten. Oft aber suchen sie selbst den Konflikt, provozieren, schlagen Scheiben von Banken und Bussen ein. Im Februar wurde in Rio de Janeiro ein Kameramann von einer Rakete zweier „Black Blocs“ getroffen. Er starb. Auf der anderen Seite steht die Polizei, die tatsächlich von Anfang an mit roher Gewalt auf die Demonstrationen reagierte: Tränengas, Gummigeschosse und Schlagstockhiebe. Dabei unterschied die Staatsgewalt auch nicht zwischen Randalieren, Demonstranten, Journalisten und Passanten. Dutzende wurden zum Teil schwer verletzt. Am Tag des Eröffnungsspiels in São Paulo, als etwa 300 Personen gegen die WM protestieren wollten, ließ ein massives Aufgebot an Spezialkräften die Aktivisten nicht einmal zusammenkommen. Ein Video zeigt Polizisten, die einen Demonstranten in den Schwitzkasten nehmen, bis einer von ihnen dem Mann aus nächster Nähe Pfefferspray ins Gesicht sprüht.

Die Demonstrationen werden kriminalisiert

In Rio de Janeiro feuerte die Polizei Tränengasgranaten in die Menge von vielleicht 150 Demonstranten, als sie friedlich in Richtung des Maracanã-Stadions marschieren wollten. Mehr als sonst noch scheint der Staat während der WM-Spiele zu agieren statt zu reagieren. Bilder von Repression und internationale Kritik wegen übertriebener Polizeigewalt sind für die Regierenden ein kleines Übel. Der innenpolitische Schaden, der entstehen würde, wenn die Situation irgendwie außer Kontrolle geraten würde, wäre viel zu groß. Und im Oktober sind Präsidentschafts-, Gouverneurs- und Parlamentswahlen.

Die Demonstrationen werden kriminalisiert. Alle, die sich ihnen nähern, müssen damit rechnen, durchsucht und in Gewahrsam genommen zu werden. Ein Anwalt, der die Demonstrationen in São Paulo begleitet und verhaftete Demonstranten verteidigt, wurde am Tag der letzten Achtelfinalspiele selbst gewaltsam mit auf ein Polizeirevier genommen. Dort hätten die Polizisten ihn angeschrien, sagt er: „Hier gibt es keine Medien. Jetzt wirst du sterben.“ Zwei Studenten sitzen seit vierzehn Tagen im Gefängnis, weil ihnen vorgeworfen wird, Anführer der „Black Blocs“ zu sein. Überzeugende Beweise konnte die Polizei noch nicht vorlegen. Der bislang einzige von einem Gericht verurteilte Demonstrant ist ein obdachloser Müllsammler. Ihm wurde im vergangenen Dezember vorgeworfen, auf einer Demonstration drei Flaschen mit Flüssigkeiten (er selbst sagt: Desinfektionsmittel) im Rucksack mitgeführt zu haben – von denen eine „minimale Voraussetzungen“ erfüllt habe, um als Molotowcocktail zu funktionieren. Er erhielt fünf Jahre und zehn Monate Gefängnis.

Auf der anderen Seite scheinen der Polizei gelegentliche Ausschreitungen auch nicht ungelegen zu kommen. Am Abend nach dem Spiel Uruguay gegen England zerstörte eine kleine Gruppe Vermummter in São Paulo zwei Autohäuser und verursachte einen Millionenschaden. Die Polizei ließ sie gewähren ohne einzugreifen. Fotografen und Kameramänner hingegen waren wie fast immer ganz nah dabei. Am nächsten Tag waren die Bilder der Handvoll Vandalen überall zu sehen. Von der friedlichen Demonstration mit etwa 1500 Teilnehmern (die für einen kostenlosen Nahverkehr demonstrierten) sprach niemand.

Obwohl sich viele Brasilianer weiter mit dem identifizieren, was die Demonstranten fordern, haben die Demonstrationen so in der öffentlichen Meinung kontinuierlich an Unterstützung verloren. Mit Beginn der Weltmeisterschaft kam die Sorge der breiten Bevölkerung hinzu, dass sich ihr Land durch die (vermeintlich) gewaltvollen Proteste vor aller Welt blamieren würde – was die aktuelle Umfrage ja deutlich zeigt. Daran wird auch das desaströse Abschneiden der Seleção im Halbfinalspiel gegen Deutschland nichts ändern. Für das Finale am kommenden Sonntag sind noch einmal Demonstrationen angekündigt. Doch es deutet nichts darauf hin, dass mehr als ein paar Hundert auf der Straße sein werden, wenn die deutsche Mannschaft im Maracanã um den Weltmeistertitel spielen wird.

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