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Putin und seine Show : Haferbrei für die Massen

Wo es langgeht: Präsident Wladimir Putin beantwortet Fragen von Reportern, nachdem er sich im Fernsehen Fragen aus der Bevölkerung gestellt hat. Bild: Reuters

In der Fernsehshow „Direkter Draht“ stellt Wladimir Putin sich angeblich unzensiert den kritischen Fragen seiner Bürger. Auf anderen Sendern werden derweil Oppositionelle desavouiert.

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          Schon vor dem „Direkten Draht“ vom Donnerstag, der jährlichen Frageshow mit Wladimir Putin, konnten die Russen etlichen Veröffentlichungen entnehmen, was ihr Präsident zum Frühstück gern isst. Aber dank der neun Jahre alten Anastassija aus Sankt Petersburg und der Regie, die ihre Frage zum Präsidenten vordringen ließ, wissen sie nun auch, dass sich sein Verhältnis zu Haferbrei mit dem Alter noch gebessert habe: „Je weniger Zähne, desto mehr liebst du Haferbrei“, sagte Putin. Heiterkeit im Studio und mutmaßlich auch vor den Bildschirmen im Empfangsgebiet.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der Präsident lauscht den Sorgen der Bürger, lobt, beklagt, verspricht, befiehlt: Der „Direkte Draht“ ist im Russland von Putins „Machtvertikale“ Mittel und Ersatz der Politik, wie das vom Kreml kontrollierte Fernsehen überhaupt. Während Putin sich am Donnerstag gewohnt entspannt und staatsmännisch gab, wird im übrigen Programm mit allen Mitteln gegen ganz konkrete Widersacher mobil gemacht – und nicht nur im Fernsehen.

          Hoffnung, der Präsident möge sich zum Guten wenden

          Dem „Direkten Draht“ liegt das Prinzip Hoffnung zugrunde: Hoffnung darauf, dass der Präsident im Handumdrehen zum Guten wenden möge, was unfähige und korrupte Untergebene vor Ort verbocken. Was bei der stets in die Millionen gehenden Zahl von Anrufen, Kurzmitteilungen und Videobotschaften dem kollektiven Glauben an ein Wunder gleichkommt. Manchmal gibt es solche Wunder dank dem „Direkten Draht“. So hatte im vorigen Jahr ein gelähmtes 15 Jahre altes Mädchen aus Togliatti Putin um ein Trainingsgerät gebeten, um wieder laufen zu lernen. Sie bekam dann laut Medienberichten zwei: eines nach präsidialer Anordnung von der örtlichen Regierung, ein weiteres von Tschetscheniens Gewaltherrscher Ramsan Kadyrow.

          Es geht aber auch anders. Kurz vor dem diesjährigen „Direkten Draht“ wurde bekannt, dass im fernöstlichen Amur-Gebiet ein Bauarbeiter, der sich 2015 als Sprecher seiner Kollegen in der Sendung an Putin gewandt hatte, festgenommen und für fünf Tage inhaftiert wurde. Es ging schon damals um nicht ausbezahlte Löhne bei einem Prestigeprojekt, dem Bau eines neuen Weltraumbahnhofs. Putin versprach, sich persönlich um die Angelegenheit zu kümmern, aber bis heute sollen umgerechnet mehr als eineinhalb Millionen Euro an Löhnen nicht ausbezahlt sein.

          Die Arbeiter wollen nun protestieren. Eine Schalte vom Weltraumbahnhof gab es dieses Jahr nicht. Aber Klagen über schlechte Straßen, nicht ausbezahlte Löhne und die Teuerung im Land. Putin lieferte eine routinierte Vorstellung ab, aber ohne Höhepunkte vergangener Jahre: 2014 hatte er im „Direkten Draht“ beiläufig eingestanden, dass entgegen seiner früheren Behauptungen auf der Krim doch russische Soldaten die Annexion vorbereiteten. Gegen Klagen über sinkende Löhne und steigende Preise äußerte Putin nun, wie stets, er sehe „positive Tendenzen“, für 2017 erwarte man wieder ein Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent.

          „Überall schauen die Ohren der Auftraggeber hervor“

          Auch auf die Enthüllungen westlicher Medien zu Offshore-Konten seines Freundes Sergej Roldugin, eines Cellisten aus Sankt Petersburg, kam Putin zu sprechen: Er lobte neuerlich, Roldugin habe „sogar mehr Geld, als er hatte“, für den Kauf von Musikinstrumenten – „zwei Geigen, zwei Cellos, das sind einzigartige Sachen!“ – zum Wohle des Staats verwendet. Laut Zollstatistiken wurden 2015 nach Russland lediglich Musikinstrumente für 50 Millionen Dollar eingeführt, bei Roldugin geht es um Beträge von zwei Milliarden Dollar, was Putin freilich nicht erwähnte.

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