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Wladimir Putin : Der Tiger ist ein einsamer Jäger

Zivilisten haben für ihn in etwa den Status von Grasfressern in freier Wildbahn Bild: AP

Wladimir Putin liebt Raubtiere. Weil er sich selbst wie eines fühlt. Das ist den Europäern fremd. Ihre Versuche, den russischen Präsident zu zähmen, können nur scheitern.

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          Um zu sehen, wie rational der russische Präsident Putin handelt, genügt ein Blick auf die Landkarte.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Mitteleuropa ist nicht mehr mit Moskau verbündet, im Gegenteil. Dabei hatte im Zweiten Weltkrieg die Sowjetarmee dazu beigetragen, Europa Hitler zu entreißen. In den Augen der Russen waren es dabei sie selbst, die den dreckigsten Teil der Arbeit machen mussten.

          Und die Nato ist mit ihren Basen inzwischen bis direkt an das ostslawische Kerngebiet vorgerückt. Dabei hatte der Nato-Generalsekretär bei den Zwei-plus-vier-Gesprächen zur deutschen Wiedervereinigung dem Sowjetpräsidenten Gorbatschow versprochen, das Bündnis werde keine Stützpunkte östlich der innerdeutschen Grenze aufstellen.

          Dass die ehemaligen Bruderstaaten auf militärischem Schutz vor ihrer Ex-Schutzmacht bestanden hatten, nimmt man im Kreml als Zeichen von Kleinmut und Horizontverengung. Russland ist ja nicht aus Stärke so brutal, sondern weil die Leute, die weglaufen können, dies auch so gern tun.

          Russland hat das Klassenziel nicht erreicht

          Die ständige Flucht – von Kriminellen vor den Strafverfolgern, von Bauern vor ihren Gutsherrn, von religiösen Fanatikern vor der Zivilisation – ist überhaupt der Grund, warum Russland so groß geworden ist. Im Gegenzug entwickelte aber auch die Staatsmacht die Neigung, ihre Untertanen zu gängeln, auszuquetschen, zu vergewaltigen.

          Tatsächlich hat dieses Land alle seine historischen Großleistungen infolge von staatlichem Zwang, auf dem Fundament von Blut und Knochen errungen: die Europäisierung, die Aufrüstung und das Bauprogramm unter Peter dem Großen, die Industrialisierung unter Stalin, die mit schrecklichen Opfern bezahlten Siege erst über die Schweden, dann über Napoleon und schließlich Nazideutschland; außerdem die Säkularisierung und die relative Europäisierung Zentralasiens. Das wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder islamisch und noch despotischer.

          Russlands schwere Handicaps – das harte Klima, die überdehnten Verkehrswege, schwer sicherbare Grenzen – mögen einen Anteil daran haben. Tatsache bleibt aber: Russland hat das Klassenziel der entwickelten Länder nicht erreicht, im 21. Jahrhundert mit einem zivil verfassten Staat dazustehen, der seinen Bürgern die Grundfreiheiten, echte Wahlen und funktionierende Gerichte gewährleistet.

          Eine durchkriminalisierte Rohstoffökonomie

          Wenn Barack Obama sich durch Putins Körpersprache an einen schlechten Schüler erinnert fühlt, der sich gelangweilt auf den hinteren Schulbänken herumfläzt, so hat er das Problem seines russischen Kollegen im Kern verstanden. Im 20. Jahrhundert glaubte Russland sogar, mit dem Sowjetsozialismus eine Methode gefunden zu haben, mit der man alle schlechten Schüler der Weltgemeinschaft durch die Reifeprüfung bringen kann.

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          Der Zusammenbruch des Sowjetstaates war daher nicht nur für Putin eine wirkliche Katastrophe. Mit ihm scheiterte ein alternatives Modernisierungsprojekt, das dem Menschen seinen Egoismus aberziehen wollte, jedenfalls dort, wo er nicht zu befriedigen war.

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