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Putin und Erdogan : Zwei zornige Männer

Der türkische und der russische Präsident am Montag in Ankara Bild: Reuters

Der türkische und der russische Präsident haben viele Gemeinsamkeiten. Denn Erdogan ist der neue Atatürk, und Putin hat die alte Sowjethymne wieder eingeführt. Mit großem Gefolge besucht Putin jetzt Ankara.

          5 Min.

          Manche behaupten, Wladimir Wladimirowitsch Erdogan und Recep Tayyip Putin seien einander zum Verwechseln ähnlich. Der „Guardian“ widmete dieser vermeintlichen politischen Zwillingsbruderschaft im Oktober sogar einen Leitartikel, und zwar unter dem schönen Titel: „Zwei zornige Männer an Europas Grenzen: Laut, stolz und unmöglich zu ignorieren“. Die Autorin zählte zunächst die offensichtlichen Gemeinsamkeiten auf. Beide Männer sind etwa gleich alt (Putin 62, Erdogan 60), und beide waren schon einmal Regierungschef, bevor sie (in Putins Fall: wieder) Staatspräsident wurden. Bezeichnender als die biographischen waren jedoch die vom „Guardian“ ausgemachten politischen Parallelen: Beide Politiker seien besessen von Verschwörungstheorien und pflegten das historische Narrativ einer schon seit jeher vom bösen Westen bedrohten Nation, in der jegliche Opposition zu einem vom Ausland gesteuerten Komplott umgedeutet wird.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Liste des „Guardian“ ließe sich fortführen. Tatsächlich sind der Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch 2014 und die Gezi-Proteste auf Istanbuls Taksim-Platz 2013 laut offizieller Moskauer beziehungsweise Ankaraner Lesart allein von ausländischen Mächten gesteuerte Verschwörungen gewesen. Dass in nennenswertem Umfang Menschen existieren könnten, die nicht für Geld, sondern aus Überzeugung auf die Straße gehen, um dort für oder gegen etwas zu demonstrieren, scheinen weder Putin noch Erdogan für möglich zu halten. Beide Staatsmänner trinken übrigens keinen Alkohol (Putin stößt manchmal bei feierlichen Anlässen mit an, doch alles unterhalb einer Flasche Wodka pro Kopf und Feiertag ist nach herkömmlichen russischen Maßstäben eine quantité négligeable), beide treiben Sport. Putin nach eigener Aussage sogar täglich, außer auf Dienstreisen. Erdogan wiederum hat erst im Juli bei einem Freundschaftsspiel in Istanbul binnen 15 Minuten einen Hattrick erzielt, der abgesehen von zwei Abseitstoren mindestens so lupenrein war wie Putins Demokratieverständnis in der Definition Gerhard Schröders.

          „Da können Sie lange warten!“

          Dass Erdogan sich nicht mit nacktem Oberkörper auf Großwildjagd ablichten lässt, ist der Rücksicht auf ein kulturelles Umfeld geschuldet, in dem körperliche Blöße nicht goutiert wird. Während der türkische Präsident schon immer als wortgewaltig galt, war Putin bisher, sofern er nicht gerade die Krim erobert hatte, kein begeisterter oder begeisternder Redner, aber auch das scheint sich zu ändern. Jüngst bestach Russlands Staatspräsident in einem Interview mit einem einheimischen Journalisten gleich bei der ersten Frage, in der es um Gerüchte über seinen Gesundheitszustand ging, durch Schlagfertigkeit. Journalist: „Wie geht es Ihnen, Wladimir Wladimirowitsch?“ Putin: „Da können Sie lange warten!“ Das ist zwar nur die Pointe eines alten, schon zu Sowjetzeiten gern erzählten russischen Schwiegermutterwitzes, aber sie wirkte durchaus spontan.

          Erdogan empfängt Putin in seinem nagelneuen Präsidentenpalast

          Schließlich, um den Reigen der herrschaftlichen russisch-türkischen Wahlverwandtschaften abzuschließen, zeigen sich beide Präsidenten persönlich an der Unabhängigkeit von Medien, Internet und Justiz interessiert und verfolgen die diesbezüglichen Entwicklungen trotz ihrer vielen anderweitigen Verpflichtungen genau. Kurzum: Beide sind auf ihre Art starke Persönlichkeiten - Staatsmänner, an die man sich noch erinnern wird, wenn all die oppositionellen und journalistischen Beckmesser, die sich herumkrittelnd an ihnen abarbeiten, längst vergessen sein werden. Denn Erdogan ist der neue Atatürk, und Putin hat die alte Sowjethymne wieder eingeführt.

          Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es zwischen dem gebürtigen Leningrader und dem geborenen Istanbuler auch gravierende Unterschiede gibt - übrigens nicht zuletzt in der Wirkung der beiden in Deutschland. So trollen sich im Unterholz deutscher Internetforen oder aufstrebender politischer Parteien deutlich mehr Putin-Versteher als Erdogan-Versteher. Putins autoritäre Herrschaft wird bewundert, Erdogans nicht. Erdogan wird dafür oft, zuletzt von Karl Lagerfeld in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, als „neuer Sultan“ karikiert, während Putin deutlich seltener als zeitgenössischer Zar wahrgenommen wird.

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