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Putin und Erdogan : Zwei zornige Männer

Russland kann das

Eine wichtige Frage lautet zudem: Wenn Erdogan in einer seiner Brandreden wieder einmal das christlich geprägte Ausland (zzgl. Israel) für alle Übel dieser Welt verantwortlich macht - ist Russland dann eigentlich mitgemeint? Schließlich hat die Tragödie im Nahen Osten laut türkischer Darstellung vor allem damit zu tun, dass Baschar al Assad in Damaskus noch immer an der Macht ist - was er ganz entscheidend Russland zu verdanken hat, das im UN-Sicherheitsrat eine internationale Intervention stets zu verhindern wusste. Erst im Oktober hat Erdogan, der seit langem einen Umbau des Sicherheitsrates fordert, die russische Haltung zu Syrien wieder kritisiert: „Wir habe oft darüber gesprochen, aber wir haben trotz unserer Treffen Zeit verschwendet. Russland hilft (Assad) weiterhin.“ Wenn sich die russisch-türkischen Beziehungen insgesamt dennoch robust gut entwickeln, so liegt das an einer Vielzahl von alle Differenzen überwölbenden gemeinsamen Interessen.

Sie werden auch an diesem Montag auf der türkisch-russischen Regierungssitzung in Ankara im Mittelpunkt stehen, bei der Putin laut Medienberichten mit einem Gefolge von zehn Ministern teilnehmen wird. Die Türkei ist nach Deutschland der größte Abnehmer für russisches Gas. Sie deckt etwa 65 Prozent ihres Bedarfs aus Russland. Russland wiederum ist deshalb (allerdings auch nur deshalb) nach Deutschland der wichtigste Handelspartner der Türkei. Die Wünsche, Interessen und Fähigkeiten ergänzen sich. Die Türkei will ein Atomkraftwerk in einem erdbebengefährdeten Gebiet bauen, Russland kann das. Russland hat mit Sanktionen des Westens zu ringen, der Türkei ist ein Teil ihres Marktes im Nahen Osten weggebrochen. In der Schnittmenge solcher Entwicklungen liegt der Export türkischer Nahrungsmittel nach Russland. Der türkische Landwirtschaftsminister Eker verkündete unlängst stolz, in den ersten neun Monaten dieses Jahres sei die Ausfuhr türkischen Geflügels nach Russland um sagenhafte 447 Prozent gewachsen, Tendenz weiter steigend. Es dürften solche Zahlen sein, die Mustafa Kirimoglu, einen Führer der Krim-Tataren in der Ukraine, unlängst bei einem Besuch in Ankara zu der Bemerkung veranlassten, die westlichen Sanktionen gegen Russland hätten keine Aussicht auf Erfolg, wenn einige Staaten sie durch gesteigerten Handel mit Moskau unterliefen.

Eine offizielle Reaktion darauf gab es von der Türkei, die sich als Schutzmacht der Krim-Tataren versteht, freilich nicht. Putin gab sich denn vor seiner Ankunft in Ankara in einer Art Interview mit der quasi regierungsamtlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch staatsmännisch-optimistisch über die Möglichkeiten, die der Türkei und Russland offenstünden, wenn sie nur zusammenhielten. In diesem Jahr habe eine russische Trägerrakete den türkischen Satelliten „Turksat 4A“ ins All gebracht, im kommenden werde „Turksat 4B“ folgen, so Putin. An die hundert türkische Baufirmen seien zum Teil schon seit langem in Russland tätig, unter anderem zum Bau der Infrastruktur für die vergangenen Winterspiele in Sotschi, führte Putin weiter aus. Russland bemühe sich zudem um eine deutliche Ausweitung der Gaslieferungen an die Türkei. Auch die Vorbereitungen für den Bau des Atomkraftwerks in der Provinz Mersin - Putin bezifferte die Gesamtkosten auf etwa 20 Milliarden Dollar - verliefen nach Plan. Dass sein Gegenpart Erdogan (immerhin Oberbefehlshaber über die zweitgrößten Streitkräfte in der von Moskau verabscheuten Nato) die Türkei nicht auf den Weg der Sanktionen gegen Russland geführt habe, lobte Putin ausdrücklich: „Die türkischen Partner haben ihre Interessen nicht irgendwelchen fremden politischen Ambitionen geopfert.“ Das, so Putin, eröffne neue Horizonte.

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