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Wirtschaftliches Vorbild : Von China lernen heißt siegen lernen

Der Schüler und sein Lehrer: Kim Jong-Un und Xi Jinping bei einem Treffen im chinesischen Ort Dalian. Bild: EPA

Peking preist sich Nordkorea als Modell für wirtschaftliche Öffnung an. Von der würde es selbst auch profitieren – und seine Macht in der Region weiter ausbauen.

          In diesen Tagen ist in Nordkoreas Staatsfernsehen etwas Ungewöhnliches zu sehen: eine chinesische Fernsehserie. In 36 Teilen. Über das Leben von Maos Sohn. Ausgestrahlt zur besten Sendezeit. Ausländische Inhalte zeigt der Sender sonst äußerst selten. Das Anschauen südkoreanischer Serien und amerikanischer Spielfilme, die auf USB-Sticks ins Land geschmuggelt werden, steht unter Strafe. Dass nun also das chinesische Historiendrama „Mao Anying“ ins Programm gehoben wurde, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass Pjöngjang es ernst meint mit der wiedergewonnenen Freundschaft zum großen Nachbarn China.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Und auch in Peking hat man es eilig, Nordkorea noch vor dem Treffen von Machthaber Kim Jong-un mit Präsident Donald Trump enger an sich zu binden. Die staatliche Fluggesellschaft Air China nahm am Mittwoch den Betrieb nach Pjöngjang wieder auf. Er war vor sieben Monaten inmitten des Streits über das Atomprogramm eingestellt worden – wegen mangelnder Nachfrage. Die ist noch immer nicht gerade hoch: Ganze sechs Passagiere fanden sich am Flughafen ein. Doch was zählt, ist die Symbolik. China bringt sich sichtbar in Stellung für die Zeit nach dem Gipfel von Singapur, in der die Weichen für eine wirtschaftliche Entwicklung Nordkoreas gestellt werden könnten. Vorausgesetzt, das Land ist bereit, seine Atomwaffen abzugeben.

          China sieht sich bestens geeignet, Nordkorea auf dem Weg von der stalinistischen Planwirtschaft zum modernen Staatskapitalismus zu begleiten – und über diesen Hebel gleich noch Einfluss auf die politischen Entwicklungen jenseits des Grenzflusses Yalu zu nehmen. In den vergangenen Wochen hat Peking sich vehement als Rollenmodell angepriesen. Just in dieser Woche ist eine Delegation des nordkoreanischen Staatsfernsehens in Shenzhen zu Gast. Das ist kein Zufall: Die Vorzeigemetropole steht wie keine andere für die Erfolge der Reform- und Öffnungspolitik der vergangenen vierzig Jahre. Ziel der Reise sei es, diese Politik „besser zu verstehen“ und davon „zu lernen“, sagte der Delegationsleiter. Der Besuch ist politisch hoch aufgehängt. Offiziell ist er „die Umsetzung des Konsenses“ zwischen Xi Jinping und Kim Jong-un. Vor drei Wochen hatte Xi persönlich eine Parteidelegation aus Pjöngjang empfangen, die ebenfalls gekommen war, um das chinesische Modell zu studieren.

          China als wirtschaftliches Vorbild?

          In Peking werden nun selbst gewagte historische Vergleiche nicht mehr gescheut. Häufig wird Machthaber Kim Jong-un im gleichen Atemzug mit Chinas großem Reformer Deng Xiaoping genannt. Der Politikwissenschaftler Wang Sheng von der Jilin-Universität im Grenzgebiet zu Nordkorea sagt: „Es ist wie die Transformation Chinas in den siebziger und achtziger Jahren.“ Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Japan und eine Verbesserung der Beziehungen zu Washington hätten damals die Grundlage für die wirtschaftliche Öffnung Chinas gelegt. „Wenn Nordkorea wirklich in Richtung Denuklearisierung geht, wird China eine Rolle bei den wirtschaftlichen Reformen in dem Land spielen“, ist er überzeugt. Man werde Anreize schaffen und Nordkorea deutlich machen, dass es sich auszahle, mit China zusammenzuarbeiten. „China hat vorgemacht, wie man eine Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft verwandelt.“ Nordkoreas Entwicklung werde wahrscheinlich dem Muster der Sonderwirtschaftszonen im Süden Chinas folgen, glaubt Wang. Also dem Beispiel Shenzhen – wo gerade die Delegation aus Pjöngjang unterwegs ist.

          So würde das stolze Nordkorea das natürlich niemals sagen. „Sie werden weiterhin ihre Juche-Ideologie vertreten und wollen nicht unter der Marke eines anderen Landes verbucht werden“, sagt Wang. Juche – das heißt so viel wie „Selbständigkeit“ oder „Autarkie“. Noch vor zwei Jahren hatte Machthaber Kim Jong-un auf einem Parteitag gegen die „bourgeoise Liberalisierung und die Linie von Reform und Öffnung“ gewettert – eine klare Anspielung auf China.

          USB-Stick mit Vorschlägen

          Auch Südkorea hat dem Norden schon Vorschläge unterbreitet, wie das Land nach atomarer Abrüstung und einer Aufhebung der Sanktionen seine Wirtschaft entwickeln könnte. Beim Gipfel Ende April in Panmunjom übergab Präsident Moon Jae-in Machthaber Kim Jong-un einen USB-Stick mit einer Vision. Darin ist neben Stromkraftwerken auch von einem modernen Straßen- und Schienennetz die Rede, mit Anbindung an alle drei Nachbarländer, Südkorea, Russland und China.

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