https://www.faz.net/-gpf-9ygzk

Steigende Zahlen in Russland : Mit dem Militär gegen das Coronavirus?

Überfordert: Ein Rettungswagen in der Notaufnahme einer Moskauer Klinik. Bild: AFP

Bislang laufen in Italien und in Serbien propagandistisch begleitete Hilfsaktionen des russischen Militärs. Nun erwägt Putin angesichts der weiter steigenden Zahl der Corona-Infizierten, es auch daheim einzusetzen.

          2 Min.

          Der Bürgermeister von Moskau, Sergej Sobjanin, hatte Ende voriger Woche zugegeben, dass die offizielle Zahl der Covid-19-Todesfälle in Russland zu niedrig sei, da bei vielen Lungenentzündungen die entsprechende Diagnose nicht gestellt werde. Dennoch steigt die Zahl der offiziell mit dem neuartigen Coronavirus infizierten Personen im Land rasch an, am Dienstag auf 21.102. Mittlerweile sollen 170 Personen an Covid-19 gestorben sein.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Moskau ist mit aktuell mehr als 13.000 Fällen der Schwerpunkt des Ausbruchs in Russland. Die dortigen Gesundheitsbehörden hatten jüngst beklagt, dass dreißig Prozent der Corona-Tests fälschlicherweise negativ ausfielen. Nun warnen sie, dass in den kommenden zwei bis drei Wochen nicht mehr genug Betten in den Krankenhäusern zur Verfügung stehen könnten, um die Infizierten zu versorgen. Zu Beginn des Coronavirus-Ausbruchs waren Infizierte noch verpflichtend in Krankenhäusern untergebracht worden, auch wenn sie keine oder nur leichte Symptome hatten; erst seit einigen Wochen können solche Kranke zu Hause bleiben.

          In Moskau musste die städtische Poliklinik Nummer 180 gerade vorerst schließen; dort sind laut Medienberichten die Leitende Ärztin und weitere Ärzte mit dem Coronavirus infiziert. Jetzt richten die Moskauer Behörden weitere Krankenhäuser für den Kampf gegen das Virus ein. So sollen in den kommenden Tagen in der dicht besiedelten Metropole mit offiziell mehr als zwölfeinhalb Millionen Einwohnern rund 21.000 Betten für Corona-Fälle zur Verfügung stehen. Dmitrij Peskow, der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, sagte, die Krankenhäuser in der Hauptstadt arbeiteten „außerordentlich angespannt“ und „im heldenhaften Alarmmodus“.

          Doch gibt es viele Berichte über Mangel an Personal, Schutzausrüstung und Beatmungsgeräten, besonders abseits der Hauptstadt. Gegen einzelne Kritiker gehen die Strafverfolger vor. So fand jetzt bei dem Betreiber einer Social-Media-Plattform namens „Polizei-Ombudsmann“, auf der Nutzer über Gesetzesverstöße von Sicherheitskräften informieren können, eine Razzia wegen des Verdachts der Verbreitung von „Fake News“ über das Coronavirus in einer Militärlehreinrichtung statt. Gesundheitsminister Michail Muraschko ersuchte die Polizei, ein Video der unabhängigen Gewerkschaft „Ärzteallianz“ zu prüfen, in dem es um den Mangel an Schutzmaterialien geht.

          Auch das Militär könnte eingesetzt werden

          Präsident Putin beklagte am Montag während einer Videokonferenz, die Lage ändere sich „täglich und nicht zum Besseren“. Putin bestätigte die Einschätzung Sobjanins vom vergangenen Freitag, der „Peak“ der Erkrankungen sei auch in Moskau noch längst nicht erreicht. In weiten Teilen Russlands gilt ein „häusliches Regime der Selbstisolierung“, eine faktische Ausgangssperre mit wenigen Ausnahmen. Ab diesem Mittwoch darf man in Moskau und im Gebiet um die Hauptstadt nur noch mit einer vorab zu beantragenden Erlaubnis das Auto oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen.

          Technische Probleme auf der dafür zu besuchenden Website der Stadt erklärten die Behörden mit Cyberangriffen „unter anderem aus dem Ausland“. Putin hatte Ende voriger Woche Studenten und Personal medizinischer Ausbildungsstätten in den Kampf gegen das Coronavirus einbezogen und schlug jetzt vor, auch das Militär hinzuzuziehen, das schon „ziemlich effektiv im Ausland“ arbeite. Tatsächlich laufen in Italien und in Serbien propagandistisch begleitete Hilfsaktionen des russischen Militärs. In Russland hat der Präsident den Kampf gegen das Coronavirus den Regionaloberhäuptern überlassen. Jetzt erklärte Putin Verschlechterungen der Lage in einigen Gebieten mit „Schlamperei“.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump und Biden am Dienstag bei der ersten Fernsehdebatte.

          Präsidentenwahlkampf : Trump und die „Proud Boys“

          Donald Trump hatte gehofft, die erste Fernsehdebatte werde die Wende im Präsidentenwahlkampf bringen. Doch sein Auftreten hat das Gegenteil bewirkt – ebenso wie seine Äußerungen zu den „Proud Boys“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.