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Wilderei : Blutiges Horn

  • -Aktualisiert am

Der Status der Käufer ist ein treibender Faktor

Das Horn ist hart, aber von der Struktur her faserig, wie ein Bündel sehr fest zusammengeklebter Haare. Der Vietnamese in Hanoi nimmt das kleinere Stück Nashorn in eine Hand. In der anderen hält er ein flaches Keramikgefäß, auf dessen glasiertem Rand ein gemaltes Nashorn abgebildet ist. Der Boden der Schale ist rauh wie feines Sandpapier. Der Mann dreht das Nashornstück darauf im Kreis herum. Man muss sich direkt darüberbeugen, um den aufsteigenden, leicht stechenden Geruch wahrzunehmen. Gedreht werde immer nur in eine Richtung, sagt der Vietnamese. Durch die Bewegung löse sich etwas weißes Pulver ab. Dann wird Wasser hinzugegeben. Nach etwa fünfzig bis sechzig Minuten entsteht ein weißer Saft.

„Wenn ich besoffen bin, dann nehme ich etwas davon. Danach habe ich keine Probleme“, sagt der Mann. Es helfe bei der Entgiftung des Körpers. Die Heilkraft sei aber umfassend: Auch nach einem Schlaganfall sei es das beste Mittel. Tierschützer halten das für Hokuspokus. Da könne man auch Haare oder Fingernägel nehmen. Es gehe gar nicht um Medizin, sondern um Prestige. „Wir haben eine Untersuchung mit vierzig Nashorn-Konsumenten gemacht. Seither glauben wir, dass ‚Status‘ ein treibender Faktor ist“, sagt Douglas Hendrie, Berater der vietnamesischen Tierschutzorganisation „Education for Nature Vietnam“ (ENV).

Durch den wirtschaftlichen Aufschwung gebe es viele Neureiche in Vietnam, die mit solchen Luxusprodukten angeben wollten. Das Nashornpulver sei in der Hausapotheke, was der Lamborghini auf den kaputten Straßen von Hanoi sei. Der Amerikaner Hendrie sitzt im Büro der Tierschutzorganisation, die einst als erste vietnamesische Nichtregierungsorganisation im Natur- und Umweltbereich gegründet worden war. Der wichtigste Einrichtungsgegenstand in dem Haus ist ein Telefon. Die Organisation unterhält eine Hotline, über die kostenlos Tierschutzvergehen gemeldet werden können. ENV gibt die Informationen an die Behörden weiter und behält ein Auge darauf, dass die Beamten den Hinweisen auch wirklich nachgehen.

2011: Auf einem Frachtschiff von Kapstadt nach Hong Kong wurden 33 geschmuggelte Nashörner entdeckt und beschlagnahmt

Douglas Hendrie sieht Fortschritte. „Aber die Frage ist, wie hoch die Opferzahlen sein werden“, sagt der Amerikaner. Denn durch steigende Preise gewinnen die Nashörner sogar noch an Attraktivität. Und der Markt werde größer, sagt Hendrie. Ein Teil der Ware werde zum Beispiel nach China weitergeschmuggelt. Die Grenze von Vietnam nach China sei fast eine Art Freihandelszone für Schmuggler geworden. Der Nashornhandel funktioniere mittlerweile wie der internationale Drogenhandel. Das größte Problem sei dabei, dass die Hintermänner für die Behörden in Vietnam unantastbar seien. Sie hätten gute Verbindungen oder säßen selbst in den Amtsstuben und Ministerien.

Das Horn ist in Vietnam allerdings nicht ganz so leicht erhältlich, wie häufig kolportiert wird. In der Altstadt von Hanoi gibt es eine Straße, die nach einem früheren Fachmann für traditionelle Medizin benannt wurde. Dort steht eine Apotheke neben der anderen. Touristen aus dem Westen genießen die exotische Atmosphäre und schießen Fotos. In den Geschäften ragen hölzerne Apothekerschränke bis unter die Decke. In quaderförmigen Schubladen, die mit chinesischen Schriftzeichen und den vietnamesischen Übersetzungen markiert sind, lagern die Arzneien. In den Auslagen stapeln sich Kräuter, Pilze und Tinkturen. Bis auf ein paar getrocknete Eidechsenhäute sieht alles sehr harmlos aus. Die Keramikschüsseln zum Nashornreiben gibt es in fast jedem Geschäft für ein paar Euro zu kaufen. Niemand will jedoch echtes Nashorn vorrätig haben.

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