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Wikileaks : Gefangenendossiers aus Guantánamo veröffentlicht

  • Aktualisiert am

Längst verlassen, aber unvergessen: Camp X-Ray im Januar 2002 Bild: dpa

Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat bislang geheime Dossiers des Pentagons aus Verhören von Guantánamo-Häftlingen veröffentlicht. Demnach wollte Al Qaida den Flughafen Heathrow angreifen, Zyanid-Attentate in Amerika sollten folgen.

          Mehrere Medien haben an den Osterfeiertagen ein Konvolut von Dokumenten des Pentagons zum Gefangenenlager Guantánamo veröffentlicht, das der Enthüllungsplattform „Wikileaks“ vor Monaten zugespielt worden war. Es handelt sich um 779 Dossiers, in denen Ergebnisse von Verhören sowie andere Informationen über Gefangene in Guantánamo festgehalten wurden. Aus den als geheim klassifizierten Dokumenten, die zwischen Februar 2002 und Januar 2009 erstellt wurden, ist manche bedeutende oder auch kuriose Einzelheit zu erfahren. Vollständig ausgeleuchtet werden die Zustände in dem Lager sowie die Verhörtaktiken jedoch nicht.

          Ein Pentagon-Sprecher und der Guantánamo-Sonderbeauftragte des Außenministeriums Dan Fried verurteilten in einer gemeinsamen Stellungnahme die Veröffentlichtung der geheimen Dokumente. Der Schutz der amerikanischen Bevölkerung sei die „oberste Priorität“ der gegenwärtigen Regierung sowie auch die Regierung unter dem republikanischen Präsidenten George W. Bush, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Auch bei der Repatriierung von Gefangenen, die als nicht (mehr) gefährlich eingestuft wurden, habe man stets mit „höchster Sorgfalt und Vorsicht gehandelt“. Während der Amtszeit von George W. Bush wurden 537 Gefangene in ihre Heimat oder an Drittländer überstellt, seit dem Amtsantritt von Barack Obama im Januar 2009 haben weitere 67 Gefangene das Lager verlassen. Derzeit werden noch 172 Gefangene in Guantánamo festgehalten. Von ihnen gelten 130 als weiterhin gefährlich, sodass sie ein „hohes Risiko“ für die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten darstellten, sollten sie ohne langfristigen Rehabilitationsprozess und ohne Überwachung freigelassen werden.

          Anschlag auf Heathrow und Zyanid-Attentate geplant

          Die veröffentlichten Dokumente widerlegen die Einschätzung des früheren Lagerkommandanten, wonach die ersten Gefangenen „die schlimmsten der Schlimmsten“ gewesen seien. Bisher wurden acht der ersten 20 Gefangenen entlassen, der erste kam schon nach neun Monaten wieder frei. Auch die Kategorisierung der „Schmutzigen Dreißig“ unter den ersten 300 Inhaftierten von „Camp X-Ray“ erwies sich als falsch: Die Männer, die in den Tora-Bora-Bergen im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet festgenommen worden waren, galten als innerer Zirkel um den aus Saudi-Arabien stammenden Al-Qaida-Führer Osama bin Laden und dessen ägyptischen Stellvertreter Ayman al Zawahiri, die sich vor den anrückenden amerikanischen Truppen nach Pakistan hatten absetzen können. Doch auch von diesen 30 Männern wurden inzwischen zehn entlassen.

          Das Dossier über sein Verhör war besonders ergiebig: Khalid Scheich Mohammed

          Besonders ergiebig ist das jetzt veröffentlichte 15 Seiten umfassende Dossier über die Verhöre von Khalid Scheich Mohammed, der sich selbst als Drahtzieher und Chefplaner der Anschläge vom 11. September 2001 bezichtigt hat. Mohammed gestand Vernehmern des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA, die ihn mehrfach der weithin als Folter gebrandmarkten Verhörmethode des simulierten Ertränkens (Waterboarding) unterzogen, dass wenige Wochen nach den Anschlägen von New York und Washington auch der Londoner Großflughafen Heathrow mit einem entführten Verkehrsflugzeug hätte angegriffen werden sollen.

          Bin Laden musste sich 7000 Dollar leihen

          Ein Selbstmordkommando sollte das Flugzeug nach dem Start in seine Gewalt bringen und auf das Flughafenterminal stürzen lassen. Mohammed will dafür 2002 zwei Zellen gebildet haben. In Großbritannien lebende Terroristen sollten demnach in Kenia lernen, ein Flugzeug zu steuern. Auch weitere Anschläge mit entführten Verkehrsflugzeugen auf Gebäude und Flughäfen sowie Attentate mit Zyanid in den Vereinigten Staaten seien erwogen worden. Im November 2002 will Mohammed einem pakistanischen Geschäftsmann eine halbe Million Dollar zur Verwahrung gegeben haben, verpackt in einer Plastiktüte. Ein mutmaßlicher Attentäter des Anschlages von Bali habe 100.000 Dollar bekommen.

          Bin Laden und al Zawahiri gelang die Flucht über die Tora-Bora-Berge, ehe amerikanische Truppen dort die Höhlen und andere Unterschlupfe durchkämmten. Bin Laden musste sich seinerzeit von einem Leibwächter 7000 Dollar leihen, die er ein Jahr später zurückzahlte. Der jetzt in Guantánamo wegen des Anschlags auf das Kriegsschiff „USS Cole“ angeklagte Jemenit Abd al Rahim al Nashiri habe sich potenzhemmende Spritzen geben lassen, geht aus den Dokumenten hervor, ohne präzise Angaben über das angebliche Mittel. Auch seinen Mitkämpfern habe er geraten, mittels Injektion ihre Manneskraft zu drosseln, um sich ganz auf den Kampf gegen den Feind zu konzentrieren.

          Fast alles unterliegt der Geheimhaltung

          Verlässliche Informationen über das Lager und dessen Insassen waren bisher kaum zu erhalten, weil fast alle Angaben der Geheimhaltung unterliegen. Journalisten können auf geführten Touren das Lager und die Zellen besichtigen und auch die Prozesse beobachten. Gespräche mit den Gefangenen sind aber untersagt. Die Arbeiten für das erste provisorische Lager („Camp X-Ray“) begannen im Dezember 2001. Die ersten 20 Gefangenen trafen am 11. Januar 2002 ein und wurden in Drahtkäfigen von etwa 2,5 auf 2,5 Meter Größe festgehalten. Toiletten gab es innerhalb der Käfigzellen, Duschen nur außerhalb. Bis Ende März 2002 befanden sich etwa 300 Gefangene aus 33 Staaten in „Camp X-Ray“, die meisten waren in Afghanistan und in Pakistan festgenommen worden.

          Das Lager aus Maschendraht war als Übergangslösung gedacht und wurde Ende April 2002 geschlossen, nachdem die Gefangenen in Zellenblöcke aus Metallwänden im „Camp Delta“ verlegt worden waren. Heute gibt es zudem drei hochmoderne, klimatisierte Gefängnisgebäude aus Beton und Stahl mit Platz für insgesamt 300 Gefangene, mit Einzel- und Gemeinschaftszellen. Dennoch sind die ersten Fotografien der Gefangenen in ihren orangefarbenen Anzügen und mit verbundenen Augen hinter Maschen- und Stacheldraht zum Symbol des Lagers geworden. Die höchste Zahl gleichzeitig in dem Lager festgehaltener Gefangenen betrug gut 520.

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