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Wikileaks-Enthüllungen : Der Spion im eigenen Haus

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Das Beunruhigende daran: Die Spähprogramme der CIA sind offenbar nicht auf eine einzelne Plattform beschränkt, sondern betreffen nahezu alle großen Betriebssysteme. Ob auf dem stationären Rechner oder einem Mobilgerät, ob Apple iOS, Windows, Linux oder Android: Kaum eine Plattform scheint vor den CIA-Hackern noch sicher. Auch Software auf CDs oder DVDs, USB-Sticks, versteckte Systemdateien oder verborgene Festplattenpartitionen können die Spähprogramme den Wikileaks-Dokumenten zufolge infizieren.

Experten: WhatsApp oder Telegram wohl nicht betroffen

Für die Geräte- und Software-Hersteller, die von der CIA offenkundig wohlweislich nicht über die Sicherheitslücken informiert wurden, sind die neuen Enthüllungen der Super-GAU. Entsprechend bemühten sie sich am Mittwoch um Schadensbegrenzung. Apple erklärte nach einer ersten Analyse, viele der genannten Angriffspunkte seien in der jüngsten Version des iPhone-Betriebssystems iOS bereits geschlossen worden. „Wir werden weiter daran arbeiten, alle entdeckten Schwachstellen schnell zu schließen.“ Traditionell aktualisieren iPhone-Nutzer schnell die neuen System-Versionen, aktuell laufen nach Angaben des Konzerns 80 Prozent der Telefone damit. Elektronikkonzern Samsung kündigte lediglich an, „die Angelegenheit mit höchster Dringlichkeit“ zu prüfen. „Der Schutz der Privatsphäre unserer Kunden und die Sicherheit unserer Produkte genießen bei Samsung einen sehr hohen Stellenwert.“

Hält die Veröffentlichungen von Wikileaks für glaubhaft: Whistleblower Edward Snowden
Hält die Veröffentlichungen von Wikileaks für glaubhaft: Whistleblower Edward Snowden : Bild: dpa

Fachleute widersprachen am Mittwoch auch der Einschätzung, wonach der Geheimdienst die Verschlüsselung von Nachrichtendiensten wie WhatsApp, Signal oder Telegram aushebeln könne. Die von Wikileaks veröffentlichten Dokumente lieferten keine Anhaltspunkte dafür, betonten die Krypto-Experten von Open Whisper Systems. Vielmehr gehe es dort darum, die Software der Telefone zu hacken. Damit könnten dann Informationen vor der Verschlüsselung oder nach der Entschlüsselung abgegriffen werden.

„Die allgegenwärtige Verschlüsselung treibt Geheimdienste von nicht entdeckbarer Massenüberwachung hin zu teuren, riskanten, gezielten Attacken“, hieß es von Open Whisper Systems. Die Software-Schwachstellen sind wertvoll, weil meist ein hoher technischer Aufwand nötig ist, um sie zu finden und unbemerkt zu nutzen. Geheimdienste setzen sie also grundsätzlich nur gezielt und sparsam ein, weil sie mit einer Entdeckung verbrannt wären. Zugleich machen nicht geschlossene Sicherheitslücken die Geräte immer grundsätzlich gefährlich. "Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese Schwachstellen nicht auch den Chinesen oder den Russen bekannt sind", sagte Paul Rosenzweig von der IT-Sicherheitsfirma Redbranch Consulting dem Online-Dienst „CNET“. Und eine breite Veröffentlichung des CIA-Codes könnte die Geräte zur Beute für Kriminelle machen, noch bevor die Lücken gestopft werden können.

Das Verhältnis zwischen der Tech-Industrie und der amerikanischen Regierung könnte sich dadurch noch weiter verschlechtern. Schon die Snowden-Enthüllungen im Sommer 2013 hatten den Fokus auf Verschlüsselung ausgelöst und viele Unternehmen dazu getrieben, Daten in Europa statt in den Vereinigten Staaten zu speichern. Jetzt bekommt das Silicon Valley ein besseres Bild davon, wie viele entdeckte Schwachstellen die Geheimdienste für sich behalten, statt sie den Unternehmen zu melden. Die Geheimdienst-Community wird zugleich inmitten ihrer aktuellen Auseinandersetzung mit Präsident Donald Trump um die vermuteten Russland-Verbindungen seiner Entourage geschwächt.

Was die Deutschen indes mindestens ebenso beunruhigen dürfte wie die Enthüllungen an sich: Laut Wikileaks war neben dem CIA-Hauptquartier in Langley Frankfurt ein Ausgangspunkt der Überwachungen. So hätten die Hacker vom dortigen amerikanischen Generalkonsulat aus ihre Angriffe in Europa, dem Nahen Osten und Afrika gesteuert. In Frankfurt befindet sich einer der größten Knotenpunkte für das europäische Internet.

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