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Machtkampf um Kiew : Dem Boxidol droht der politische Knock-out

„Undemokratisch und verfassungswidrig“: Bürgermeister Klitschko vor dem Wappen der ukrainischen Hauptstadt Kiew Bild: dpa

Der neue ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will sich nach seinen Wahlsiegen nun auch Kiew untertan machen. Bürgermeister Vitali Klitschko gerät unter Beschuss.

          Wenn Vitali Klitschko, einst Boxweltmeister im Schwergewicht, im vergangenen Winter ferngesehen haben sollte, könnte ihn ein ungutes Gefühl beschlichen haben. Der frühere Sportler ist seit Mai 2014 Bürgermeister von Kiew, der Hauptstadt der Ukraine; nun ist er in einen Machtkampf geraten, der das Ende seiner politischen Karriere einleiten könnte. Zweimal war Klitschko in Wahlen angetreten, um das Rathaus zu erobern; erst beim dritten Mal hatte es geklappt. Er ist beliebt. Aber knapp fünf Jahre später, in diesem Winter, zog ihn jemand im landesweit gesehenen Privatsender 1+1 mächtig durch den Kakao.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Immerhin, nicht nur ihn: Auf der Fernsehbühne wurde ein ganzer Trupp von Politikern parodiert; allen voran die dominierende Figur der letzten Jahre, Staatspräsident Petro Poroschenko. Er wurde gespielt von einem jüngeren, schlanken, agilen Mann namens Wolodymyr Selenskyj. Neben ihm, ebenfalls auf einem Barhocker sitzend, der Schauspieler Jewhen Koschowyj als der tolpatschige Hüne „Vitali“ – mit großer Nase, fleischigen Lippen, tiefer Stimme und äußerst begrenztem Wortschatz. Also Vitali Klitschko. Sie alle, so die Botschaft, seien Teil einer verfilzten, abgehobenen Politikerkaste.

          Inzwischen hat Selenskyj, der Politikerdarsteller, auch im wahren Leben Poroschenkos Rolle übernommen. In der Silvesternacht hatte der Comedian bekanntgegeben, dass er im März in der Präsidentenwahl gegen den Amtsinhaber antreten werde. Selenskyj gewann die Stichwahl, löste das Parlament auf und holte mit seiner neuen Partei („Der Diener des Volkes“) im Juli auch noch die absolute Mehrheit der Sitze.

          Jetzt geht es dem zweiten in jener Fernsehshow parodierten Politiker an den Kragen: Klitschko. Er sei ein Repräsentant der in den Wahlen unterlegenen Poroschenko-Generation, er habe in dessen Block sogar den Vorsitz geführt, er müsse jetzt Platz machen, heißt es im Präsidialamt. „Das ist ein Versuch, den Kiewern das Recht wegzunehmen, ihre Stadtregierung zu wählen“, schrieb Klitschko der F.A.Z. am Freitag. „Das ist undemokratisch und verfassungswidrig. Da ist der Autoritarismus nicht weit. Hier soll – nicht nur in Kiew – die Dezentralisierung der Macht im Land rückgängig gemacht werden.“ Klitschko beklagte, ein „beliebter Sender“ – gemeint ist 1+1 – verleumde ihn, und der Generaldirektor des Senders, Olexander Tkatschenko, werde als neuer Kiewer Verwaltungschef gehandelt.

          Klitschkos „ehrlicher Hände Arbeit“

          Der Sportler war einst mit demselben Erfolgsrezept zum beliebten Politiker geworden, mit dem es jetzt der Schauspieler geschafft hat. Beide Male sprach für die „antipolitischen“ Neulinge, dass sie in einem anderen Geschäft erfolgreich waren als dem politischen – das in der Ukraine eng mit dem „biznes“, der intransparenten Wirtschaftswelt, verquickt war. Der in einem Hamburger Boxstall berühmt gewordene Vitali Klitschko suchte nach dem Ende seiner sportlichen Karriere ein neues Betätigungsfeld. Viele Ukrainer hielten ihm zugute, dass er seine Dollar-Millionen „mit ehrlicher Hände Arbeit“ erworben hatte, dazu im Ausland, unter sehr sportlichen – fairen und transparenten – Bedingungen.

          Jetzt aber wird an seinem Stuhl gesägt. Offenbar will der Schauspieler die Macht des Boxers drastisch beschneiden oder ihn ganz loswerden. Dabei will Selenskyj eine Besonderheit ausnutzen: Klitschko trägt gewissermaßen einen Doppelhut. Er wurde 2014 mit 57 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister bestimmt, doch das Amt des „Chefs der Stadtverwaltung“ ist davon getrennt, auch wenn der gewählte Bürgermeister traditionell beide Ämter ausfüllt. Jetzt könnte man ihm das zweite Amt nehmen und Klitschko damit zu einem Frühstücksdirektor machen – oder, wie man in der Ukraine sagt, zu einem „Hochzeitsgeneral“. Jedenfalls machte Ende Juli die Nachricht die Runde, Selenskyj habe die Regierung schriftlich gebeten, Klitschko als Verwaltungschef zu entlassen.

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