https://www.faz.net/-gpf-9m2pi

Ihor Kolomojskij : Der Komiker und der Oligarch

Auf ein Verfahren in Amerika hätte ein neuer Präsident der Ukraine wohl keinen Einfluss – auf die leichter unter Druck zu setzenden Gerichte in der Ukraine vielleicht schon. Das Portal „Ukrainska Prawda“ jedenfalls hat Szenarien im Fall der Privatbank durchgespielt und kommt, auch unter Berufung auf Kiewer Regierungskreise, zu dem Schluss: „Die politische Sympathie eines neuen Präsidenten für Kolomojskij muss sich nicht darin äußern, dass ihm die Privatbank zurückgegeben wird, sondern in der künstlichen Verlängerung von Prozessen und darin, dass die einstigen Anteilseigner der Bank (darunter Kolomojskij selbst) für den der Ukraine zugefügten Schaden nicht belangt werden.“ Am Dienstag nahm Dmytro Rasumkow, der wichtigste Berater Selenskyjs, dazu Stellung: „Er wird weder Kolomojskij noch irgendjemandem sonst die Bank zurückgeben.“ Aber „überprüfen“ könne er die Verstaatlichung. Dass man Selenskyj als „Marionette“ eines Oligarchen bezeichne, sei „beleidigend“.

Präsidentschaftskandidat Selenskyj pflegt Kontakt zu Kolomojskij

Inzwischen haben investigative Medien in der Ukraine weiter recherchiert. Das große Rätsel, woher der als unabhängig und volksnah geltende Kandidat Selenskyj seine Mitarbeiter bezieht, scheint allmählich gelöst: Leibwächter des Oligarchen Kolomojskij schützen offenbar auch ihn. Außerdem kommt Andrij Bohdan, der oberste Jurist seines Wahlkampfstabs, aus dem Hause des Oligarchen. Das Politikmagazin „Schemata“ fand heraus, dass Selenskyj in den Jahren 2017 und 2018 neunmal nach Genf geflogen sei, wo Kolomojskij damals wohnte. Nach dessen Umzug nach Israel soll er auch dort mindestens zweimal gewesen sein – das zweite Mal in Begleitung des Juristen Bohdan.

Unter den Mitreisenden an Bord der Privatflugzeuge waren manchmal weitere Oligarchen: darunter der Milliardär Hennadij Boholjubow, Kolomojskijs engster Geschäftspartner in Sachen Privatbank, und Grigorij Surkis, dessen Geschenk, eine teure Uhr, kürzlich zum Rücktritt von DFB-Präsident Reinhard Grindel beitrug. Kolomojskij bestätigte den Journalisten telefonisch, Selenskyj habe ihn zu seinem Geburtstag in Genf besucht; weitere Treffen habe es vielleicht gegeben, aber „keine zielgerichteten“.

Mit seiner Verbindung zum Oligarchen Kolomojskij erscheint Selenskyj nicht mehr ganz so volksnah. Er selbst hatte einmal in einem Fernsehinterview erzählt, dass er mit seinen Kabarettnummern vor vielen Staats- und Regierungschefs aufgetreten sei, auch vor Wladimir Putin. Auf einer Privatveranstaltung erfreute er nach eigener Aussage zwei Staatsoberhäupter, die – offenbar nach einem Saunabesuch – „im Bademantel“ vor ihm saßen: Dmitrij Medwedjew (Russland) und Viktor Janukowitsch (Ukraine). Letzterer floh nach seinem Sturz 2014, von Korruptionsvorwürfen verfolgt, nach Russland. Janukowitsch habe er besser gekannt als seine Vorgänger, sagte Selenskyj. Mit ihm habe er „mehrere Gespräche“ geführt, und dieser habe ihn für „100Millionen Dollar“ von seinem damaligen Sender abwerben wollen.

In der Fernsehserie „Der Diener des Volkes“ bekämpft Selenskyj zwar heldenhaft Oligarchie und Korruption, aber einer seiner politischen Programmpunkte in der realen Welt ist eine „Nulllösung“ für Superreiche: Gegen fünf Prozent Steuern sollen sie ihren Besitz legalisieren dürfen. Nur eines wissen die Wähler immer noch nicht: wen Selenskyj in die Regierung berufen will. Offenbar will der Kandidat das am Freitagabend bekanntgeben – doch am Samstag ruht der Wahlkampf, und eine Diskussion über seine Mannschaft wird dann nicht mehr möglich sein.

Weitere Themen

Topmeldungen

Immer mehr, immer größer, immer schneller: Autos auf den Straßen von Berlin.

Wandel der Mobilität : Augen auf vorm Autokauf!

Ob Auto, Bahn oder Fahrrad – Mobilität ist individuell und abhängig von Bedürfnissen und Lebensumständen. Doch jeder sollte bereit sein, sich zu hinterfragen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.