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Steigende Neuinfektionen : Bundesregierung warnt vor Reisen nach Wien

Straßenszene in Wien Bild: dpa

Das Robert-Koch-Institut setzt die österreichische Hauptstadt auf die Liste der Corona-Risikogebiete. Wien verzeichnete zuletzt 113 neue Fälle bei 100.000 Einwohnern – und überschreitet die kritische Grenze damit deutlich.

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          Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Wien. Wie das Ministerium in Berlin am Mittwochabend mitteilte, werde „vor nicht notwendigen, touristischen Reisen in das Bundesland Wien aufgrund hoher Infektionszahlen derzeit gewarnt“. Die deutsche Messlatte für die Einstufung als Risikogebiet liegt bei 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern. In Wien liegt der Wert laut Gesundheitsministerium aktuell bei 113 neuen Fällen bei 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen. Aus diesem Grund hat das Robert-Koch-Institut die österreichische Hauptstadt zum Risikogebiet erklärt. Auch Budapest zählt seit Mittwoch zum Risikogebiet.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Als Risikogebiet definiert Deutschland aktuell Regionen in Frankreich, Spanien, Belgien, Kroatien, Bulgarien, Rumänien, Schweiz und in der Tschechischen Republik. Rückkehrer aus Risikogebieten müssen sich in Deutschland verpflichtend auf das Coronavirus testen lassen, sofern sie kein aktuelles negatives Testergebnis vorweisen können. Solange kein negatives Ergebnis vorliegt, müssen sie sich für maximal 14 Tage in Selbstisolation begeben.

          In Österreich war eine solche Einstufung bereits erwartet worden. Vergangenen Freitag war die Schweiz bereits diesen Schritt gegangen, vorerst auch nur für Wien. Im Frühjahr hatte die österreichische Regierung durch ein zügiges Schließen öffentlicher Orte und eine entschlossene Krisenkommunikation erreicht, dass die Verbreitung des Virus weitgehend eingedämmt werden konnte. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), der in einer „türkis-grünen“ Koalition zusammen mit den Grünen regiert, gab bis vor kurzem regelmäßig die Einschätzung kund, dass Österreich damit besser als andere Länder dastehe. Nach den Sommerferien wurde jedoch ein sehr dynamischer Anstieg der Infektionszahlen verzeichnet, besonders in der Hauptstadt, aber auch in anderen Großstädten und in einigen weiteren Bezirken.

          „Eine Reisewarnung für Wien ist ein Alarmsignal“

          Eine von der Regierung eingeführte „Corona-Ampel“, die das Risiko von Bezirk zu Bezirk beziehungsweise Stadt zu Stadt in den Farben grün (gering), gelb (mittel), orange (hoch) und rot (sehr hoch) darstellt, war am Dienstag in sieben Bezirken auf orange und 35 auf gelb gestellt worden. „Orange“ sind Wien, Innsbruck, Kufstein, Dornbirn, Bludenz, Mödling und Neunkirchen. In den Wochen zuvor hatten sich Bürgermeister und Landespolitiker noch heftig gegen solche Risikoeinstufungen gewehrt. Inzwischen werden sie akzeptiert – auch weil sie praktisch keine konkreten, automatisch verpflichtenden Folgerungen nach sich ziehen. „Das ist kein Alarmismus, das ist ganz einfach ein Weckruf“, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) dazu.

          Für den Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) war der Schritt Deutschlands, Wien zum Risikogebiet zu erklären, schon vor der Verkündigung „keine Besonderheit“. „Es ist eine Entwicklung, die ganz Europa, vor allem die urbanen Räume, trifft“. Wien sei besonders im Gesundheitswesen gut vorbereitet. Ludwig befindet sich im Wahlkampf, im Oktober wird der Wiener Landtag und Gemeinderat gewählt. In diesem Licht ist auch die Entgegnung des österreichischen Finanzministers Gernot Blümel zu sehen, der die ÖVP in der Hauptstadt als Spitzenkandidat anführt: „Eine Reisewarnung für Wien ist ein Alarmsignal für den Standort Wien.“ Vom Bürgermeister müsse man mehr erwarten, als das einfach abzutun.

          Wirtschaftliche Interessenverbände reagierten besorgt. Die Austrian Airlines, eine Lufthansa-Tochter, verwies darauf, dass Strecken nach Deutschland für sie den wichtigste Verkehr darstelle, auch für den Umsteigeverkehr. Ein Interessenvertreter der Hoteliers sagte: „Wird Wien auf rot gesetzt, sehe ich schwarz für die Zukunft der Wiener Tourismusbetriebe.“ Seit der Wiedereröffnung der Hotels im Juni sei die Auslastung der Hotels erst langsam wieder gestiegen, sie liege noch unter 30 Prozent. Für die kommenden Monate habe sich eine günstigere Entwicklung bei den Buchungen abgezeichnet, doch dieser Trend sei bereits jäh abgebrochen, als vor zehn Tagen die „Ampel“ für Wien auf gelb gestellt worden ist und erst recht seit der Schweizer Reisewarnung. Durch eine deutsche Reisewarnung drohe ein Verlust von 80 Prozent der noch bestehenden Buchungen.

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