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Russische Internetpropaganda : Die Trolle des Kremls

Auch Sozialabgaben zahlte der Arbeitgeber nicht. Nur eine Verschwiegenheitserklärung musste sie unterzeichnen. Aber die ist nach Überzeugung von Sawtschuk und ihren Beratern nichtig. Deren Chef ist der bekannte Bürgerrechtsanwalt Iwan Pawlow, der selbst schon zur Zielscheibe der Behörden geworden ist: Seine amerikanische Frau wurde vor einem Jahr aus Russland abgeschoben, weil sie angeblich eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstelle.

Pawlows „Stiftung für Informationsfreiheit“ verlor ihren Kampf gegen die Einstufung als „ausländischer Agent“. Nun treten ihre Leute als „Team 29“ auf - eine inoffizielle Gruppe von Bürgerrechtlern, die sich nach dem Artikel der Verfassung benennen, der Informationsfreiheit festschreibt und Zensur untersagt.

Sawtschuk und ihre Anwälte haben den ausstehenden Lohn auf 50.000 Rubel (derzeit 726 Euro), das Schmerzensgeld auf 10.000 Rubel (145 Euro) beziffert. Aber sie verfolgen die Klage nicht um des Geldes willen, sondern um Licht in die Entscheidungsstrukturen und das Geschäftsgebaren der „Fabrik“ zu bringen – und im Idealfall dafür zu sorgen, dass Prigoschin selbst vorgeladen wird.

Aufklärung unwahrscheinlich

Das ist aber unwahrscheinlich. Bei einem Gerichtstermin im vergangenen Monat verkündete ein Anwalt der Gegenseite, das Unternehmen „Internet-Analysen“ habe weder Büro, noch Mitarbeiter. Er ließ Überweisungsbelege auf das Konto Sawtschuks zu den Akten nehmen: Sie erhielt demnach 50.000 Rubel für den Februar und 20.000 Rubel für die Tage im März. Damit sei die Sache erledigt, sagte der Anwalt und sprach von „prozessualem Trolling“.

Doch die „Fabrik“ arbeitet offenbar weiter. Die russische Zeitschrift „New Times“ zählte an einem Morgen kurz nach dem Gerichtstermin rund 300 Mitarbeiter, die in das Gebäude strömten, zwei Mal so viele wie bei einer Zählung im März.

Auf einer Tafel im Eingangsbereich des Hauses stehen derzeit Namen wie „Media Info“ oder „Kreatif Citi“, ein Wachmann sagt, die „Internet-Analyse“ gebe es hier nicht. Auch von „Glawset“ steht hier nichts. Das heißt freilich nicht viel. Zudem soll es noch andere „Fabriken“ geben, in Sankt Petersburg, in Moskau.

Das Geld für die „Trollfabrik“ werde woanders dringender gebraucht

Ljudmila Sawtschuk arbeitet derweil weiter als Journalistin. Die 70.000 Rubel hat sie tatsächlich vor kurzem erhalten. Mit drei Freunden ist zu dem Fest gefahren, um das Trollgeld zu spenden. Blau-Gelb sind die Planen um die Bühne, wie die Landesfarben der Ukraine. Einer der Begleiter der Journalistin will darin einen versteckten „Protest des Bürgertums“ gegen den Ukraine-Krieg erkennen. Das mag übertrieben sein, aber lustig ist schon, den Armeechor in diesem Rahmen „Sex Bomb“ singen zu hören.

Bald nach dem Auftritt lässt sich Sawtschuk von einer Organisatorin des Benefizfests eine Spendenbox zeigen. „Für die Entwicklung eines Hilfszentrums für Menschen mit Autismus“, steht darauf. Die Journalistin erklärt, woher das Geld stammt. Die Frau hat von der „Fabrik der Trolle“ noch nichts gehört, bedankt sich aber. Ljudmila Sawtschuk steckt einen Geldschein nach dem anderen in die Plexiglasbox.

„Trolle, das Geld das Ihr für Eure Arbeit bekommt, brauchen andere viel dringender“, sagt sie dabei mit theatralischer Geste. Danach wirkt sie wie befreit. Doch die Trolle lassen sie nicht los. Für diesen Mittwoch ist ein weiterer Gerichtstermin anberaumt. „Glawset“ sucht im Internet derzeit drei neue Mitarbeiter.

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