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Russische Internetpropaganda : Die Trolle des Kremls

Lob für Putin, negative Einstellung zu Amerika

Auch Positives galt es zu verbreiten, zu Russlands Arktis-Plänen etwa oder zum Kurs des Rubels, wenn der wieder einmal stieg. Oder auch: „Wir entwickeln eine positive Meinung zur Reaktion des Präsidenten auf den Mord an Nemzow; Putin tut alles, um die Aufklärung des Geschehenen zu ermöglichen.“ Auch verbale Versatzstücke für Blogger und Kommentatoren gab es mit Lob für den Präsidenten („die Politik Putins wirkt sich positiv auf die Entwicklung Russland aus“) und seinen Verteidigungsminister („entwickelt eifrig unser militärisches Potential“).

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In anderen Abteilungen erstellten Mitarbeiter Illustrationen zur Verbreitung im Internet, etwa zum amerikanischen Präsidenten Barack Obama mit Affenkörper oder mit Bananen. Auch Videoblogger haben in der Sawuschkina-Straße eine Heimat. So recherchierte die russische Zeitschrift „New Times“ kürzlich anhand automatisch aufgezeichneter Bilddaten, dass sich in dem Gebäude das Büro einer jungen Videoaktivistin befindet. In einem ihrer YouTube-Filmchen terrorisiert ein Mann im Spiderman-Kostüm die Bewohner von Sankt Petersburg. Am Ende zieht die Bloggerin der Puppe die Maske ab. „Ah, du bist es, Plüsch-Obama“, sagt die Bloggerin und schlägt auf die Puppe ein. Derlei Beiträge sollen offenbar die Jugend ansprechen.

Drohungen und Diskreditierung nach Veröffentlichung

Ljudmila Satwschuk sagt, sie habe in ihrer Abteilung noch Glück gehabt. „Bei mir haben die Leute einfach geschrieben, was ihnen aufgetragen wurde.“ In Sawtschuks Raum führten die Mitarbeiter unter anderem den Livejournal-Blog einer vermeintlichen Wahrsagerin. Ein Kollege von ihr, der aus Sorge um sein Seelenheil die Agentur verließ und ebenfalls an die Öffentlichkeit ging, habe in seiner Abteilung, die sich mit Kommentaren in Chatrooms befasste, weitaus mehr Hass erfahren. „Reiner Extremismus“, sagt Sawtschuk. Doch auch so seien in dem Gebäude, in dem rund 400 Leute arbeiten sollen, „ständig neue Gesichter“ aufgetaucht. „Ein normaler Mensch hält das nicht lange aus.“ Es gab Strafen, wenn man zu spät zur Schicht erschien, oder nicht eine vorgeschriebene Anzahl von Beiträgen erreichte.

Während Ljudmila Sawtschuk in der „Fabrik“ arbeitete, wurde ihre Gesundheit schlechter – was sie auch auf die Angst vor Entdeckung zurückführt. Noch immer wirkt sie erschöpft von den vergangenen Monaten. Denn ab dem Tag, an dem die ersten Artikel erschienen, begannen die Anrufe. Es gab Drohungen. Und Anrufe von Journalisten. Eine Nachrichtenagentur setzte die falsche Version in die Welt, Ljudmila Sawtschuk habe arglos in der „Fabrik der Trolle“ gearbeitet und sei dann, von Arbeitsalltag eines Besseren belehrt, ausgestiegen.

Ljudmila Sawtschuk spendet das Geld aus der „Trollfabrik“ an.

Das galt es klarzustellen. Und den Gegenschlag der Trolle und Putinunterstützer auszuhalten. „Sawtschuk ist ein Lump“ war noch harmlos. Man kann etliche scheinbar lustige Kollagen finden, die eigentlich ihrer Diskreditierung dienen sollen. Manches habe sie sich „bewusst nicht angeguckt“, sagt sie. Andere Beiträge feiern sie zum Schein als „Heldin“. Oder ihr wird vorgeworfen, viele Leute um ihre Arbeitsplätze gebracht zu haben.

Denn Ljudmila Sawtschuk und ihre Mitstreiter haben ihren ehemaligen Arbeitgeber verklagt. Ein Petersburger Bezirksgericht soll feststellen, dass ein Arbeitsverhältnis bestanden hat und Sawtschuk Schmerzensgeld zuerkennen. Sie unterschrieb keinen Anstellungsvertrag.

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