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Auftritt Lukaschenkas : In Schutzweste mit Kalaschnikow

Fernsehbilder des staatlichen Rundfunks zeigen Lukaschenka am Sonntag mit Kalaschnikow-Sturmgewehr. Bild: dpa

Präsident Lukaschenka zeigt sich mit seinem Sohn Nikolaj vor Sicherheitskräften – militärisch ausstaffiert und bewaffnet. Ist das ein Vorgeschmack auf seinen Umgang mit den Demonstrationen?

          3 Min.

          Es wird gerade viel über den Gemütszustand des belarussischen Autokraten spekuliert. Seit Sonntagabend sind die Ausfälle Alexandr Lukaschenkas gegen die vorgeblich ausländisch (früher russisch, mittlerweile polnisch, litauisch oder anderwärtig westlich) orchestrierte Protestbewegung um eine düstere, bizarre Episode reicher: um Auftritte Lukaschenkas in Schutzweste mit Kalaschnikow-Sturmgewehr und militärisch ausstaffiertem Lieblingssohn im Hubschrauber über Minsk und vor Omon-Sondereinsatzkräften.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der Auftritt fiel zusammen mit einer neuen, friedlichen Großdemonstration: Am Sonntag zogen wieder Zigtausende durch Minsk, nach Schätzungen sollen es 150.000 gewesen sein, jedenfalls viel mehr als die rund 20.000, die offiziell angegeben wurden. Ein Teil der Demonstranten zog am Abend zum Unabhängigkeitspalast, Lukaschenkas Residenz an der zentralen Siegerallee, skandierte unter anderem die Parole „Geh weg“.

          Schwarz uniformierte Omon-Kräfte sperrten die Straße, riegelten den Palast ab. Auch gewöhnliche Polizisten, Soldaten und Räumfahrzeuge waren im Einsatz. Es entstanden kontrastreiche Bilder zwischen martialischen Sicherheitskräften und friedlichen Demonstranten, einige im Rollstuhl, andere in bittender Pose auf Knien, viele sangen.

          Der Unabhängigkeitspalast ist ein im neosowjetischen Stil errichteter, erst vor sieben eröffneter Prachtbau, in dem Lukaschenka zum Beispiel 2015 als Gastgeber der Minsker Verhandlungen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Russlands Präsidenten Wladimir Putin und die damaligen Präsidenten der Ukraine und Frankreichs lud; es waren aus Sicht Lukaschenkas bessere Zeiten, in denen der Ukraine-Konflikt ihm zurück auf die Weltbühne half.

          Am Sonntagabend landete ein Hubschrauber vor dem Palast, mit der Aufschrift „Belarus“ und den Landesfarben. Die Autoren des Telegram-Kanals „Nexta Live“, des wichtigsten Mediums der Protestbewegung, vermuteten, Lukaschenka verlasse den Palast fluchtartig. Das wollte Lukaschenkas Pressesprecherin, Natalja Ejsmont, nicht so stehen lassen: Lukaschenka habe die Lage die ganze Zeit aus dem Palast kontrolliert, äußerte Ejsmont. Die „sogenannten Demonstranten“, die einen „eigenartigen Sturm des Gebäudes“ versucht hätten, seien angesichts der Einsatzkräfte rasch umgedreht und zurückgelaufen. „Der Präsident“ habe den Hubschrauber gerufen „und die Stadt überflogen“.

          „Wie Ratten auseinandergelaufen“

          Bilder dazu zeigen Lukaschenka, wie er dem Piloten aufgibt, näher an die Siegerallee zu fliegen, auf dem gerade keine Demonstranten sind. „Wie Ratten sind sie auseinandergelaufen“, sagt Lukaschenka. Dann fragt eine Stimme, wohl des 15 Jahre alten Nikolaj Lukaschenka: „Nun, wo sind sie?“ Der Vater antwortet: „Sie sind weggelaufen. Sie haben erfahren, dass Du da sein würdest.“

          Auch sieht man, ringend mit der sperrigen Militärausrüstung, Nikolaj an Bord des Hubschraubers. Er begleitet seinen Vater dieser Tage auch in dessen schwersten Stunden, etwa auch, als Lukaschenka vor einer Woche von streikenden Arbeitern in einer Minsker Fabrik zum Rücktritt aufgerufen wurde. Nach der Landung geht Lukaschenka zu seinen Omon-Leuten, welche die Siegerallee sperren. Mehrere rufen: „Wir werden mit Ihnen sein bis zum Ende.“ Lukaschenka tritt vor die Barrikade, die quer über die Straße läuft, bedankt sich, hebt den Daumen; die Männer applaudieren, Lukaschenka lobt sie als „Krassawzy“ (tolle, schöne Typen) und verspricht mit Blick auf die Demonstranten: „Wir werden das mit ihnen klären.“

          Dabei war in Minsk am Sonntag ein Großaufgebot von Sicherheitskräften im Einsatz, auch des Militärs. Soldaten mit Flecktarn-Mund-Nasen-Schutz hinter Stacheldraht bewachten die Stele „Minsk – Heldenstadt“, die an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnert. Der Verteidigungsminister hatte vor einer Demonstration an diesem „heiligen“ Ort gewarnt.

          Festnahmen bei der Opposition

          Marija Kolesnikowa und Olga Kowalkowa – zwei Mitstreiterinnen von Swetlana Tichanowskaja, der nach Überzeugung der Demonstranten eben gewählten Präsidentin – baten die Menge, niemanden zu provozieren und die Ruhe zu bewahren, und die Demonstranten zogen sich zurück. Von Festnahmen wurde am Sonntag nichts bekannt, auch nicht aus den anderen belarussischen Städten, in denen wieder viele Demonstranten unterwegs waren. Die Stimmung war fröhlich und festlich, mit Liedern und Sprechchören und einem Meer aus weiß-rot-weißen Flaggen, dem Symbol der Bewegung.

          Doch Lukaschenka hatte am Samstag das Wochenende als „Bedenkzeit“ bezeichnet und härtere Schritte für die Zeit danach impliziert. Der Montagmorgen begann mit einer Herausforderung an die Adresse Tichanowskajas und deren Koordinationsrat, der einen friedlichen Machtübergang bewerkstelligen soll: Maskierte Männer nahmen zwei Ratsmitglieder fest, Olga Kowalkowa und Sergej Dyljewskij, als sie eine Minsker Fabrik besuchten, deren Arbeiter sich an den Streiks beteiligen, die Lukaschenkas Herrschaft beenden sollen. Ihnen wird die Organisation einer „unerlaubten Massenveranstaltung“ vorgeworfen.

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