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Corona-Massentests : Slowakei testet zwei Drittel der Bevölkerung

Positiv oder negativ? Eine slowakische Familie mit den Ergebnissen ihrer Corona-Tests in Kosice am Sonntag Bild: Getty

Die Slowakei testet Millionen Bürger auf Corona. Wer sich weigert, dem drohen empfindliche Verbote und Geldstrafen. Wie sinnvoll ist dieses Unterfangen?

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          Einen ganz eigenen Weg, um eine allgemeine Schließung des öffentlichen Lebens zu vermeiden, hat die Slowakei am Allerheiligenwochenende versucht: Die gesamte Bevölkerung – oder zumindest der größte Teil – sollte sich einem Corona-Test unterziehen. So sollten unentdeckte Infektionen identifiziert werden. Rein organisatorisch kann das Experiment als gelungen angesehen werden. Nach den vorläufigen Zahlen, die bis Montagnachmittag verfügbar waren, konnten 3.625.332 der rund 4,5 Millionen Einwohner getestet werden, rund zwei Drittel der Bevölkerung. Mehr als jeder hundertste von ihnen erwies sich als infiziert: 38.359 waren Corona-positiv, das sind 1,06 Prozent der Getesteten. Sie wurden sogleich in die Heimquarantäne geschickt.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Die Teilnahme war so stark, obwohl sie nicht eigentlich obligatorisch war, weil ein beträchtlicher Druck ausgeübt wurde: Wer nicht teilnehmen wollte, muss sich nun einer strengen Heimquarantäne unterziehen. Er darf seine Wohnung nur in einem Umkreis von hundert Metern verlassen, oder in einem festgelegten Zeitkorridor für Einkäufe von Notwendigem im nachweislich nächstgelegenen Geschäft. Hingegen können die Einwohner mit negativem Testergebnis weiter arbeiten und einkaufen sowie sich in Städten und Ortschaften ebenso wie in der freien Natur bewegen. Für sie sind somit einige der im Oktober für das ganze Land verhängten Restriktionen gelockert.

          Geldbußen von mehr als 1000 Euro

          Hingegen drohen empfindliche Geldbußen von bis zu 1600 Euro, falls man nach dem Testtag ohne negatives Testergebnis von der Polizei außerhalb der Quarantänezone angetroffen wird. Ausgenommen sind nur Kinder unter zehn Jahren, Personen mit Attest, die aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnten sowie Leute, die in den vergangenen drei Monaten eine Covid-Infektion durchgemacht haben und somit als immun gelten.

          Die konservativ-wirtschaftsliberale Regierung unter Ministerpräsident Igor Matovič hatte ursprünglich drei solcher Testrunden bis Ende November geplant. Am Montag stand zur Debatte, künftige Test-tage regional differenziert vorzunehmen und solche Gegenden auszulassen, in denen nur geringe Infektionsraten festgestellt wurden; das betrifft vor allem den Süden und Westen des Landes. Das Experiment war vorab stark umstritten, bis hin in die Staatsspitze und in die Regierungskoalition. Präsidentin Zuzana Čaputová machte kurz vor dem Wochenende ihre Sorge mit einem Facebook-Eintrag öffentlich, die Kapazitäten könnten nicht ausreichen, so dass Nichtgetestete zum Hausarrest verurteilt würden, obwohl sie eigentlich willig gewesen wären. Tatsächlich kam es am Samstag an vielen der mobilen Teststationen zu langen Schlangen, es wurde über Wartezeiten von mehreren Stunden berichtet. Doch am zweiten Testtag war das nicht mehr der Fall. Bislang gab es keine Berichte, dass Tests in nennenswerter Zahl nicht ermöglicht worden wäre.

          Ein weiterer Kritikpunkt war, dass sogenannte Antigen-Tests eingesetzt wurden. Sie sind deutlich preiswerter, aber auch weniger zuverlässig als die PCR-Tests. Es muss daher mit einer Fehlerquote von bis zu einem Viertel falsch negativer Ergebnisse gerechnet werden. Dass dennoch eine so große Zahl an unentdeckten Infektionen identifiziert werden konnte, könnte allerdings ein wertvolles Instrument darstellen, Infektionscluster zu identifizieren und zu isolieren. Regierungschef Matovič äußerte sich jedenfalls am Montag sehr zufrieden: „Ich glaube, das wird ein wichtiger Schritt in der Bekämpfung des neuartigen Coronavirus sein,“ sagte er. Die Reihentestungen könnten der Slowakei eine landesweite Quarantäne ersparen. Zuletzt waren die Infektionszahlen – die während der „ersten Welle“ der Pandemie im europäischen Vergleich noch äußerst gering gewesen waren – signifikant gestiegen. In der vergangenen Woche wurden Höchstzahlen von mehr als 3000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden gemessen.

          Organisiert wurden die in Europa bislang einmaligen Massentests durch die Streitkräfte. Es war nach den Worten von Ministerpräsident Matovič „die größte Kampagne seit der Gründung der Slowakei“. Die Tests fanden in öffentlichen Gebäuden oder mobilen Stationen statt. Es gab dabei auch Unterstützung aus den Nachbarländern. So stellte Österreich dreißig Sanitäter seines Bundesheeres zur Amtshilfe zur Verfügung, auch aus Ungarn kam (ziviles) Sanitätspersonal. Eine Woche zuvor hatte es einen Probelauf in ausgewählten Distrikten im Norden des Landes gegeben, die als besonders von der Pandemie befallen galten.

          Erleichterung in der Tschechischen Republik?

          In der benachbarten Tschechischen Republik, die in der Slowakei als Negativszenario beschworen worden war, haben sich am Wochenende erstmals Anzeichen dafür erkennen lassen, dass die im Oktober gezogene Notbremse, also die Einführung strikter Ausgangsbeschränkungen, Wirkung zeigt. Am Samstag wurden 6771 Neuinfektionen gemeldet, rund tausend weniger als eine Woche zuvor. Auch am Freitag hatte es bereits einen leichten Rückgang im Wochenvergleich gegeben, ebenso in der Zahl der Personen, die wegen Covid-19 ins Krankenhaus gehen mussten. Der Notstand, verbunden mit Ausgangsbeschränkungen und eingeschränkten Geschäftszeiten, ist – nach parlamentarischer Zustimmung am Freitag – bis 20. November verlängert worden.

          Als Gesundheitsminister hat inzwischen der von Ministerpräsident Andrej Babiš benannte Mediziner Jan Blatný das Ruder übernommen. Sein Vorgänger Roman Prymula, selbst erst einen Monat im Amt, hatte zurücktreten müssen, weil er beim Verstoß der von ihm selbst erlassenen Ausgangsbeschränkungen erwischt worden war. Sein Nachfolger Blatný ließ einen zwischenzeitlich erwogenen Plan fallen, wie in der Slowakei eine Massentestung im ganzen Land anzuordnen – bei fast doppelt so großer Bevölkerung.

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