https://www.faz.net/-gpf-9odjf

Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

Dass die Herzen der Konservativen dem Oberbrexiteer Johnson zufliegen, hängt mit deren eigener Radikalisierung zusammen. Bild: Reuters

Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

          Boris Johnson ist der Favorit für den Vorsitz der Konservativen Partei und damit, sollte es so kommen, quasi auch gesetzt für das Amt des Premierministers des Vereinigten Königreichs. Die Basis liebt ihn, weil er unter den prominenten Parteileuten derjenige ist, der den Brexit mit dem größten Schmackes bejubelt und verteidigt, weil er Clown und Opportunist ist, weil er charismatisch und skrupellos sein kann. Wenn er schwadroniert, Britannien müsse nur endlich die Fesseln der EU abstreifen, dann werde alles gut im Staate Ihrer Majestät, dann liebt sie ihn besonders. Am 23. Juli soll bekanntgegeben werden, wem die Partei die Geschicke des Königreichs anvertrauen will. Es kann ebendieser Boris Johnson sein. Vielen Noch-Partnern in der EU dreht sich bei dem Gedanken der Magen um.

          Dass die Herzen der Konservativen dem Oberbrexiteer Johnson zufliegen, hängt mit deren eigener Radikalisierung zusammen. Nach einer Umfrage wäre es knapp zwei Dritteln der befragten Parteimitglieder gleichgültig, wenn der EU-Austritt dem Land wirtschaftlich schaden würde. 59 Prozent würden es in Kauf nehmen, wenn das Königreich wegen des Austritts zerbräche und Nordirland die Union verlassen würde; dieser Anteil steigt im Falle Schottlands – die Mehrheit der Schotten hatte bei Referendum für den Verbleib in der EU gestimmt – sogar auf 63 Prozent! Die Liebe zur Union ist also bei der Parteibasis, die überdurchschnittlich wohlhabend und mehrheitlich älteren Semesters ist, eine sehr qualifizierte Sache und allemal der Abneigung gegenüber der EU untergeordnet. Die Haltung spiegelt in der Tat wirtschaftliche und soziale Klassenmerkmale, um nicht zu sagen: die Merkmale einer ganz spezifischen Schicht. Und die Konservativen sind mehr und mehr die Partie des englischen Nationalismus.

          Deren Held will zurück in die Zukunft. Und wie stellt er sich das vor? Am 31. Oktober will Boris, der frühere Kurzzeit-Außenminister und ehemalige Bürgermeister von London, das Königreich aus der EU führen (falls er bis dahin der neue Herr in 10 Downing Street ist); wenn es eben sein müsse, ohne ein Abkommen. Jetzt hat er gesagt, er glaube aber, dass es noch immer Nachbesserungen des Abkommens geben könne, das Premierministerin May mit der EU ausgehandelt hatte und das im Unterhaus drei Mal keine Mehrheit gefunden hatte. Warum scheint er zu meinen, die EU werde plötzlich weiche Knie bekommen, nur weil er droht – und ansonsten unausgegorenes Zeug von sich gibt?

          Es hat ja einen oder mehrere Gründe, warum die ungeliebte Auffanglösung für ein künftiges Grenzregime zwischen der Republik Irland und Nordirlands in den May-Deal aufgenommen worden ist. Jetzt einfach zu sagen, er werde keine Zölle, keine Grenzkontrollen und keine harte Grenze geben, löst das zugrundeliegende Problem nicht. Soll die Gegend dort, zum Beispiel, ein großes Schmugglerparadies werden? Auch eine Übergangsphase kann sich Johnson jetzt plötzlich vorstellen. Ach ja? Das war auch im ausgehandelten Abkommen vorgesehen: Eine Übergangsphase hätte sich an einen koordinierten, „weichen“ Austritt anschließen sollen; im Vergleich zu den bisherigen Regeln und Standards hätte sich faktisch wenig bis nichts geändert. Das aber wollten die Hardliner nicht! Und jetzt kann sich Johnson sogar eine Phase von zehn Jahren vorstellen?

          Vielleicht dämmert es auch ihm langsam, was der Brexit, in Sonderheit ein Austritt ohne Abkommen, für das Land, für viele seiner Bürger und deren Wohlergehen bedeuten würde. Vielleicht arbeitet er auch schon daran, Fühler auszustrecken zu all jenen, die von einem Austritt nicht begeistert sind und das Königreich lieber weiter als Mitglied in der EU sehen wollen. Man kann es so sagen wie Arbeitsministerin Amber Rudd (deren Ambitionen auf den Parteivorsitz schon früh zusammengefaltet wurden): Es wird Zeit, dass der Favorit auf den Parteivorsitz endlich Klartext redet. Das aber setzt voraus, dass er weiß, wovon er spricht. Beim Referendum war das nämlich nicht der Fall.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“ Video-Seite öffnen

          Friedensnobelpreisträgerin : Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“

          Auf diesen Termin im Weißen Haus hat sich der amerikanische Präsidenten Donald Trump offenbar nicht besonders gut vorbereitet. Als die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad dem Präsidenten berichtet, dass ihre Mutter und ihre sechs Brüder umgebracht wurden, fragt Trump erstaunt: Wo sind sie jetzt?

          Topmeldungen

          Transfer-Offensive : Borussia Dortmund hat ein großes Problem

          Der BVB beeindruckt mit seinen starken Neuzugängen. Doch die Offensive auf dem Transfermarkt hat auch ihre Schattenseiten. Der Kader ist nun viel zu üppig besetzt. Auf der Streichliste stehen prominente Namen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.