https://www.faz.net/-gpf-afe1b

Schüler sorgt für Aufsehen : Wenn Putin einen Fehler macht

Fast unfehlbar: Wladimir Putin am Mittwoch im Allrussischen Kinderzentrum „Ozean“ in Wladiwostok Bild: EPA

Wie sich Präsident Putin in Russlands Geschichte irrte, von einem Schüler in Wladiwostok korrigiert wurde und doch alle zufrieden sein können.

          3 Min.

          Seit einigen Jahren tritt Wladimir Putin als Chefhistoriker auf, der Russland gegen Geschichtsfälscher verteidigt. Bestrafung muss fürchten, wer von des Präsidenten Lehren etwa zum Hitler-Stalin-Pakt (richtig und wichtig) oder zu einer eigenständigen Ukraine (nichtig) abweicht.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Im fernöstlichen Wladiwostok hat es nun ein Schüler gewagt, einen Fehler in der Geschichtsdarstellung des Präsidenten zu korrigieren. Der Umgang mit dem Lapsus des Präsidenten und der Chuzpe des Schülers zeigt einerseits Angst und Ehrfurcht im Volke, andererseits Verständnis und Milde der Staatsmacht, sodass die Geschichte nur Gewinner kennt, in den Worten des kremltreuen Politologen Sergej Markow „nur Prachtkerle“.

          Der Austausch Putins mit dem Schüler Nikanor Tolstych aus Workuta (die aus einem berüchtigten Arbeitslager entstandene Stadt liegt am Nordende des Ural-Gebirges jenseits des Polarkreises) fand im Allrussischen Kinderzentrum „Ozean“ in Wladiwostok statt. Dort waren Gewinner etlicher schulischer Kultur-, Kunst-, Sport- und Wissenschaftswettbewerbe versammelt. Doch wieder ging es Putin zuvorderst um die Geschichte.

          Siebenjährigen Krieg mit Großem Nordischen Krieg verwechselt

          In dem Gesprächsteil, der zur Nachricht wurde, verwechselt der Präsident den Siebenjährigen Krieg der Jahre 1756 bis 1763 zwischen unter anderem Preußen, Österreich und Russland mit dem Großen Nordischen Krieg der Jahre 1700 bis 1721 zwischen vor allem Schweden und Russland. Zunächst schildert Schüler Tolstych die Geschichtsstunde seiner Träume, in der per QR-Code aktivierte 3D-Modelle von Zaren deren Innen- und Außenpolitik beschreiben.

          F.A.Z. Machtfrage – Der Newsletter zur Bundestagswahl

          jeden Dienstag

          ANMELDEN

          Darauf gibt Putin zu bedenken, man müsse nicht nur Zahlen, Namen und Ereignisse aufzählen, sondern auch die Umstände des Handelns kennen. Was habe etwa Zar Peter der Große während des Siebenjährigen Krieges getan, „warum hat er sieben Jahre mit den Schweden gekämpft? Und überhaupt diese Schlacht bei Poltawa“, sagt Putin mit Blick auf eine von dem Zaren gegen den Schwedenkönig Karl XII. 1709 gewonnene Schlacht nahe der in der heute in der Nordostukraine gelegenen Stadt, „was haben sie bei diesem Poltawa gemacht? All das hat doch Bedeutung.“ Kurz darauf sieht Putin wohl, wie es in dem Schüler Tolstych arbeitet, fragt: „Wollten Sie noch etwas sagen?“ Der Junge windet sich, sagt dann, wie der von Putin erwähnte Krieg richtig hieß und von wann bis wann er dauerte, enorme 21 Jahre, und der Präsident dankt „für die Berichtigung“.

          Damit könnte die Sache vorüber sein. Doch ist die Korrektur des Präsidenten so unüblich, dass sie in Russland Aufsehen erregte. Die Direktorin von Tolstychs Schule erklärte das Verhalten ihres Schülers mit jugendlicher „Dreistigkeit“, lobte zwar den Jungen und allgemein dessen junge, offene, kreative Generation, hob aber hervor: „Mein Alter würde mir schon nicht mehr erlauben, im Austausch mit dem Präsidenten auf diese Weise zu handeln.“

          „Junge Leute kennen die Geschichte des Vaterlands, wunderbar“: Putin zeigt sich am Freitag auf dem fernöstlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok unbeeindruckt.
          „Junge Leute kennen die Geschichte des Vaterlands, wunderbar“: Putin zeigt sich am Freitag auf dem fernöstlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok unbeeindruckt. : Bild: Reuters

          Darauf angesprochen, sagte Putins Sprecher, Dmitrij Peskow, er sei mit der Direktorin nicht einverstanden, niemand werde Tolstych von der Schule werfen, der Junge sei talentiert, wisse viel, „ein Prachtkerl“. Peskow pries auch Putin, der nicht nur über ein „phänomenales Geschichtswissen“ verfüge, sondern stets bereit sei, sich korrigieren zu lassen, ob „von einem Kind oder einem Spezialisten“.

          Putin: „Warum sollte mich das kränken?“

          So ließ sich die Situation bereinigen, wobei Politologe Markow nicht nur Putin („In Details kann jeder irren“), den Schüler („Putin hat es wirklich verwechselt“) und die Behörden („Es gab keine Razzien bei der Familie des Jungen“) in Schutz nahm, sondern auch die Direktorin: Deren Aufgabe sei es ja, Kindern beizubringen, was richtig sei, und dass der Junge Putin als „politischen Vater der Nation“ nicht geschont habe, sei nicht richtig gewesen.

          Entsprechend wird der Vorfall nun benutzt, um Putin als gütigen Zaren zu porträtieren, der mit jedem Recht auch anders könnte: Auf seinem Fernöstlichen Wirtschaftsforum am Freitag danach befragt, was Nikanor Tolstych für eine Zukunft erwarte, fragte Putin: „Wer ist das?“, und der vom Staatsfernsehen geholte Moderator erinnerte den Präsidenten an „den Jungen, der Sie korrigiert hat“: „Das Internet kocht“, habe ihn, Putin, die Korrektur gekränkt? „Warum sollte mich das kränken?“, entgegnete Putin auf die Steilvorlage. „Im Gegenteil, das freut mich nur. Junge Leute kennen die Geschichte des Vaterlands, wunderbar.“ 

          Bei so viel Schulterklopfen fiel nicht weiter auf, dass Putin vor den Schülern mit Blick auf die jüngere Geschichte neuerlich Sowjetdiktator Stalin weißgewaschen hatte, wobei ihm, wie üblich, niemand widersprach. Etwa, als er die „jungen Leute“ lobte, welche die Baikal-Amur-Magistrale erbaut hätten und ganz „hingerissen von ihrer Sache“ gewesen seien. Dass auch Zehntausende Zwangsarbeiter zum Bau der Eisenbahnlinie eingesetzt wurden, überging der Präsident.

          „Ziemlich junge Leute“ hätten auch die Brücke zur Krim gebaut, hob Putin stattdessen hervor. Das dürfte für die eigentlichen Arbeiter wirklich zutreffen, doch die beiden Unternehmen, die nach der Annexion für mehr als drei Milliarden Euro die Brücke vom russischen Festland zur ukrainischen Halbinsel bauten, gehörten Arkadij Rotenberg, der 69 Jahre alt ist, ein Dreivierteljahr älter als sein Jugendfreund Putin.

          Weitere Themen

          Grünen-Basis macht Weg für Ampel-Regierung frei Video-Seite öffnen

          Urabstimmung : Grünen-Basis macht Weg für Ampel-Regierung frei

          Als letzte der drei Ampel-Parteien haben auch die Grünen dem Koalitionsvertrag zugestimmt. Bei einer Urabstimmung votierten 86 Prozent für den Vertrag und das Personaltableau der Grünen für das Bundeskabinett.

          Bald sind wieder schärfere Regeln möglich

          Corona-Pandemie : Bald sind wieder schärfere Regeln möglich

          Die neue Koalition will abermals das Infektionsschutzgesetz ändern, so dass die Länder wieder striktere Maßnahmen verhängen können. Die Impfpflicht in Krankenhäusern und Pflegeheimen soll vom 15. März an gelten.

          Topmeldungen

          Bleibt in Berlin: Hubertus Heil in der Mitte der designierten SPD-Bundesminister

          SPD-Sozialminister : Heils Behaglichkeit

          Seine Arbeit hat der SPD geholfen, nun darf Hubertus Heil die Ernte einfahren: Mindestlohn, Weiterbildungsrepublik und Rente umreißen die großen Ambitionen. Ob die Wirklichkeit mitspielt?