https://www.faz.net/-gpf-a21m7

Grundsteinlegung Rama-Tempel : Modi inszeniert sich als Held der Hindus

Modi bei der Zeremonie zur Grundsteinlegung für den Rama-Tempel am Mittwoch in Ayodhya. Bild: EPA

Die Grundsteinlegung war ein Spektakel. Kritiker sehen darin den nächsten Schritt des indischen Ministerpräsidenten, Muslime zu unterwerfen.

          4 Min.

          Auf diesen Moment haben Indiens Hindunationalisten lange gewartet. Sie selbst sagen, seit Jahrhunderten. Ihr Ministerpräsident Narendra Modi sitzt nun im Schneidersitz auf dem Boden als der Mann, der es politisch möglich gemacht hat. Es ist ein Spektakel ganz nach seinem Geschmack. Modi vollzieht ein ausgefeiltes Ritual, in dem „heiliges“ Wasser und eine Menge Blütenblätter zum Einsatz kommen. Symbolisch legt er dann einen silbernen Stein in das innerste Heiligtum des zukünftigen Tempels. Der Stein ist laut indischer Presse vierzig Kilogramm schwer. „Indien ist überglücklich, da Jahrhunderte des Wartens heute ein Ende gefunden haben. Millionen hätten nicht geglaubt, dass sie diesen Tag in unserer Lebenszeit erleben würden“, sagt Modi etwas später in einer Rede. Dazu ertönt wiederholt der Ruf „Jai Shri Ram“, „Sieg dem Gott Rama“.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Bilder von der spektakulär inszenierten Grundsteinlegung werden am Mittwoch ins ganze Land übertragen. Modi trägt während der Zeremonie Mund-Nasen-Schutz, reinigt sich immer wieder die Hände. Wie bei allen Veranstaltungen in dieser Zeit wird auch diese Feier von der Corona-Krise überschattet. Indien hat mit besonders schweren Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen. So hat das Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern mittlerweile 1,9 Millionen Infektionen nachgewiesen. Schon seit einer Woche verzeichnet Indien mehr als 50.000 Neuinfektionen pro Tag. Innenminister Amit Shah, Modis rechte Hand und rechtspopulistischer Hardliner, hat sich mit dem Virus angesteckt und kann deshalb am Mittwoch nicht teilnehmen.

          Nach Ansicht der Hindunationalisten ist die Pandemie aber nur ein Schluckauf im Vergleich zu dem epochalen Ereignis, das sie an diesem Mittwoch in dem Ort Ayodhya im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh begehen. Das Loch vor Modi markiert den Ort, an dem nun mit dem Bau des kontrovers diskutierten Rama-Tempels begonnen wird. Die besonders frommen Hindus glauben, dass dort vor Tausenden von Jahren ihr Gott Rama geboren wurde. Für Modis rechtskonservative Bharatiya Janata Party (BJP) gehört der Bau des Tempels deshalb seit Jahrzehnten zu ihren Wahlversprechen. „Unser fünf Jahrhunderte währender Kampf und die Wartezeit sind beendet“, sagte der Chief Minister von Uttar Pradesh, Yogi Adityanath, vorweg der Zeitung „The Hindu“.

          Es ist ein alter Streit, der den von den Hindunationalisten so ersehnten Tempelbau in Ayodhya verhindert hatte. Dort hatten im 16. Jahrhundert die muslimischen Herrscher über Indien, die Mogulkaiser, eine Moschee gebaut und dafür nach Ansicht vieler Hindus einen ihrer Tempel abgerissen. Für die Hindunationalisten war das ein unerträglicher Zustand. Im Jahr 1992 hatten fanatische Hindus die Moschee mit Hilfe von Schaufeln, Seilen und bloßen Händen dem Erdboden gleichgemacht. Nach der Zerstörung waren bei Unruhen im ganzen Land mehr als 2000 Menschen ums Leben gekommen, darunter mehrheitlich Muslime. Danach stritten die Anhänger der beiden Glaubensrichtungen noch jahrelang vor Gericht darum, wem das Grundstück gehört.

          Erst im November des vergangenen Jahres entschied der Oberste Gerichtshof in Delhi, dass an dem Ort ein Rama-Tempel gebaut werden darf. Die Muslime bekommen ein Grundstück für ihre Moschee an einem anderen Ort. Für die Hindunationalisten ist das ein Triumph. Sie haben den Tempelbau seit fast drei Jahrzehnten vorbereitet. Verzierte Steine und Säulen warten seit Jahren auf einem Werkstattgelände in Ayodhya auf ihren Einsatz. Modis Partei verdankt dem Tempelstreit zu einem gewissen Teil sogar ihren politischen Aufstieg. Modi selbst hatte Anfang der neunziger Jahre geschworen, erst wieder einen Fuß nach Ayodhya zu setzen, wenn der Tempel gebaut wird. Aus diesem Grund verkündet das indische Fernsehen am Mittwoch auch pathetisch Modis „Rückkehr“ nach Ayodhya „nach 29 Jahren“.

          Weitere Themen

          Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt Video-Seite öffnen

          Heimatort der Großeltern : Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt

          Anfangs sahen die Einwohner von Kallstadt in Rheinland-Pfalz die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten mit großem Interesse, denn Trumps Vorfahren stammen aus dem Winzerdorf. Inzwischen scheint das Interesse allerdings erlahmt zu sein. Ein Stimmungsbild kurz vor der Präsidentenwahl Anfang November, bei der sich Trump zur Wiederwahl stellt.

          Topmeldungen

          Sicher ist sicher: Wenn nicht immer genug Abstand gehalten werden kann, empfiehlt es sich, die Maske auch im Büro zu tragen.

          Corona am Arbeitsplatz : „Tröpfchen fliegen bis zu 20 Meter weit“

          Nicht jeder kann sich vor der Pandemie ins Homeoffice flüchten. Der Arbeitsmediziner David Groneberg erklärt, wie groß die Corona-Gefahr im Büro ist, welches Raumklima die Viren mögen und was man alles noch nicht weiß.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.