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Die Bundeswehr und das Virus : Antreten zur Quarantäne

Seit knapp zwanzig Jahren am Hindukusch: Bundeswehrsoldaten, angetreten in Kundus, das längst die Taliban wieder kontrollieren (Archivbild) Bild: dpa

Der siebzehnte Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch startet – allerdings verzögert, wegen Corona. Wie organisiert man einen Kontingentwechsel in Zeiten einer Virus-Bedrohung?

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          Das Coronavirus nimmt gleich mehrfach Einfluss auf das Bundeswehrmandat für Afghanistan. Es gilt nur noch bis Ende des Monats. So lange war zwar auch noch Zeit, über die Fortsetzung zu entscheiden. Aber da in den Sternen stand, ob der Bundestag wegen der Epidemie in nächster Zeit überhaupt zusammenkommen kann, wurde die Afghanistan-Entscheidung noch Hals über Kopf am Freitag der vergangenen Woche getroffen. So etwas geht nur, wenn eine Mehrheit für die Mandatsverlängerung ohnehin sicher ist. Das war sie, der Bundestag brauchte für seinen Beschluss nur eine halbe Stunde.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Afghanistan-Mission heißt „Resolute Support“. Die Bundeswehr bildet afghanische Soldaten aus, bis zu 1300 Bundeswehrangehörige dürfen laut Mandat jeweils in diesem Einsatz sein. Derzeit gibt es einen Kontingentwechsel, der siebzehnte Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch startet. Allerdings verzögert, wegen Corona. Wie organisiert man einen solchen Wechsel in Zeiten einer Virus-Bedrohung?

          Zwei Wochen Isolation

          Alle Soldaten, die nach Afghanistan gehen, müssen erst einmal zwei Wochen lang in Quarantäne. Und weil das am Einsatzort überhaupt nicht möglich wäre, findet die Quarantäne noch zu Hause in Deutschland statt. Ist sie vorbei, müssen die Soldaten sofort zum Einsatz, sonst hätte man sich die Isolierung sparen können. Weil es aber mehr als tausend Soldaten betrifft, können nicht alle zugleich in Quarantäne und anschließend nach Afghanistan fliegen.

          Umgekehrt müssen auch die Rückkehrer erst einmal in die Isolation. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam sagt: „Für uns ist das eine besondere Herausforderung, wir müssen das staffeln und entsprechend logistisch vorbereiten.“ Es müsse immer abgewogen werden: hier der Einsatzauftrag, dort der Schutz der Einsatzfähigkeit.

          Afghanistan ist der größte Einsatz der Bundeswehr. Und zugleich der am meisten ungewisse. Denn die Amerikaner haben vor, in spätestens vierzehn Monaten abzuziehen, zusammen mit ihren Verbündeten, insgesamt zwanzigtausend Soldaten aus 21 Ländern. Im Text für das neue Bundeswehr-Mandat hat das noch keine Rolle gespielt, er wurde gegenüber dem Text bei der Verlängerung vor einem Jahr in keinem Wort verändert. Eines aber ist klar: Ohne die Amerikaner geht in Afghanistan nichts, auch für die deutschen Verbände.

          In den zuständigen Ausschüssen, dem für Auswärtiges und dem für Verteidigung, versicherte die Bundeswehr, sie könne den Abzug innerhalb eines Jahres bewältigen. Alles laufe über Schiffe und sei logistisch kein allzu großes Problem. Aber werden die Amerikaner tatsächlich so rasch verschwinden? Und wenn sie gehen, gehen sie vollständig? Die Deutschen würden die Ausbildungsmission auch nach einem Teilabzug der Amerikaner fortführen, könnten das aber nur, wenn wenigstens amerikanische Truppen weiter den Luftraum sicherten und im Sanitätsdienst verblieben. All das ist bislang nicht entschieden und wird es in nächster Zeit auch nicht sein. Der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Henning Otte, sagt: „Wir stehen in enger Abstimmung auf Nato-Ebene und direkt mit den Amerikanern. Unser Ziel bleibt, zu einer selbsttragenden Sicherheit in Afghanistan zu kommen.“ Die Friedensverhandlungen mit den Taliban gäben eine neue Perspektive, aber Deutschland fordere, dass die afghanische Regierung einbezogen werde.

          Die Taliban sind inzwischen Verhandlungspartner

          Die CDU-Bundestagsabgeordnete Gisela Manderla sitzt sowohl im Auswärtigen Ausschuss als auch im Verteidigungsausschuss. Sie sagt: „Die Amerikaner wählen einen neuen Präsidenten, da ist es im Moment schwer vorauszusehen, wie es mit den amerikanischen Truppen in Afghanistan weitergeht.“ Deshalb nehme das Mandat erst einmal keine Rücksicht darauf, was die Amerikaner und die Taliban verabredet hätten. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, der SPD-Abgeordnete Wolfgang Hellmich, ergänzt: „Das Afghanistan-Mandat gilt unverändert weiter, sowohl was die Aufgabe betrifft als auch den Umfang der Kontingents. In diesem Rahmen sind Anpassungen jederzeit möglich, etwa wenn das Kontingent verkleinert wird. Ohnehin ist klar: Der Einsatz wird enden, wenn die Amerikaner einen Komplettabzug ihres Kontingents vollziehen.“

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