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100 Jahre Oktoberrevolution : Arbeit am Mythos

Lenin-Kult: Seine Statuen zieren Straßen und Plätze; im russischen Fernsehen läuft eine neue Serie über den Revolutionshelden an. Bild: Reuters

Das Erbe der Oktoberrevolution prägt Russland noch heute. Derzeit findet eine Neubewertung der Ereignisse statt – aber anders, als man im Westen vermuten würde.

          Jüngst überraschte der russische Präsident mit Äußerungen zum russischen Revolutionsjahr 1917. Vor Gästen seines Valdai-Clubs, eines jährlichen Gesprächsforums, sprach Wladimir Putin vorige Woche von „mehrdeutigen Ergebnissen“ der Umstürze: Auf der negativen Seite stehe die „Zerstörung von Staatlichkeit“ und von „Millionen menschlicher Schicksale“, positiv sei ein „gewaltiger Impuls“ gewesen, von dem vor allem der Westen profitiert habe. Dort seien als Antwort auf Herausforderungen durch die Sowjetunion der Lebensstandard erhöht, starke Mittelklassen gebildet und Menschenrechte geschützt worden. Man könnte meinen, dass derlei Äußerungen im Gedenkjahr 2017, genau hundert Jahre nach den Umwälzungen, in Russland ständig fielen. Aber nein, sie sind eine Seltenheit. Ein offizielles Gedenken an 1917 findet kaum statt, und um ein von Putin erst spät, nämlich um die jüngste Jahreswende eingesetztes Organisationskomitee für das Gedenkprogramm ist es ruhig geblieben.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Warum sich die russische Führung mit der Bewertung des Jahres 1917 so schwertut, erläutert Igor Tschubajs, ein russischer Soziologe und Philosoph, der sein Metier mit „Russlandkunde“ angibt. Tschubajs wurde vor gut 70 Jahren in Berlin geboren, wo sein Vater als Militär stationiert war. Im Westen ist vor allem sein jüngerer Bruder Anatolij bekannt, ein Reformer der neunziger Jahre, der mittlerweile an der Spitze des Staatsunternehmens Rosnano steht. Doch haben die Brüder einander kaum mehr etwas zu sagen. Womöglich ist auch das, was sie spaltet, letztlich eine Folge der unbewältigten Ereignisse des Jahres 1917, der Vergangenheit, die nicht vergeht. Aber der Reihe nach.

          Vor dem Valdai-Club sprach Putin im Singular von „der russischen Revolution“. Das hat Tradition, denn in der Sowjetunion wurde jahrzehntelang der Mythos des „großen Oktobers“ kultiviert. Dabei war das Jahr 1917 eigentlich geprägt von zwei Umstürzen: dem Ende der Monarchie im Februar und der Machtergreifung durch die Bolschewiken im Oktober. Nicht Letztere waren es, die den Zaren gestürzt hatten; Lenin und andere führende Bolschewiki waren erst im April 1917 mit Unterstützung der deutschen Militärführung aus dem Schweizer Exil ins revolutionäre Russland eingeschleust worden, da sie den Krieg ablehnten. Auch finanzielle Hilfe aus Deutschland gab es. Für solche Szenarien verwendet die aktuelle Führung im Kreml üblicherweise den Begriff der „Farbenrevolution“: Protestbewegungen gelten ihr als Operationen westlicher Geheimdienste; die eigene Opposition soll eine „fünfte Kolonne“ im Solde des Westens sein, dessen Ziel es sei, Russland zu schwächen.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche.

          Ein „gewaltiger Impuls“: Putin überraschte mit seinen Äußerungen zum russischen Revolutionsjahr 1917.

          Nach dieser Kreml-Logik müsste Lenin als „Farbenrevolutionär“ verdammt werden, doch stattdessen ruht sein präparierter Leichnam weiter im Mausoleum an der Kremlmauer, zieren seine Denkmäler Straßen und Plätze im ganzen Land. Denn die neue Ideologie besteht darin, vom Zarenreich über die Sowjetunion bis hin zu Putin eine ununterbrochene Geschichte russischer Größe zu sehen. Das Staatsfernsehen, das ab dem 7. November eine Filmserie namens „Dämon der Revolution“ zeigen will, wählt nun einen Kompromiss: Lenin wird darin laut Ankündigung „nicht als Ikone oder als Bösewicht“, sondern „als Mensch“ gezeigt, die fiese Schlüsselrolle dagegen wird dem Revolutionär und jüdischen Deutschland-Emigranten Alexander Parvus zugeschoben, der „grauer Kardinal“ der Ereignisse gewesen sei und das russische Imperium habe zerstören wollen.

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