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Komplizierte Beziehung : Wie politisch ist Prinz Williams Besuch in Israel?

Der britische Prinz William (links) trifft sich mit Reuven Rivlin, Staatspräsident von Israel. Es ist der erste offizielle Besuch eines Mitgliedes der britischen Königsfamilie in Israel seit der Staatsgründung 1948 vor 70 Jahren. Bild: dpa

Kaum ein europäisches Land hat so komplexe Beziehungen zu Israelis und Palästinensern wie Großbritannien. Ein Drahtseilakt für Prinz William beim ersten royalen Besuch in dem Land.

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          Prinz William werde auf seinem Zimmer den „besten Tee, den wir kaufen konnten“ vorfinden, versicherte der Manager des King David Hotels in Jerusalem, bevor der hohe Gast eincheckte. Und dann gibt es noch die putzige Diskussion, ob der Herzog von Cambridge seine Scones in Israel erst mit Butter und dann mit Marmelade bestreichen will, oder lieber umgekehrt.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Im Kensington Palast freut man sich über derartige Berichte, unterstreichen sie doch das „Unpolitische“, das diesem Besuch angeblich anhaftet. Aber wie unpolitisch kann es sein, wenn das Königshaus zum ersten mal offiziell einen Vertreter nach Israel schickt?

          Vier Jahre, heißt es im Regierungsviertel, seien in die Vorbereitungen geflossen. Die Zeitung „Times“ sprach unlängst vom „Ende des royalen ,Boykotts‘ Israels“, was die Dimension der diplomatischen Anstrengung andeutet. Kaum ein europäisches Land hat so komplexe Beziehungen zu Israelis und Palästinensern, was Prinz William, dem Zweiten in der Thronfolge, einen Drahtseilakt abverlangt. Es war die britische Regierung, die 1917 mit der „Balfour Declaration“ eine „nationale Heimstatt für das jüdische Volk in Palästina“ auf den Weg brachte.

          Aber die Region, die London nach 1923 als „Mandatsgebiet“ beaufsichtigte, entwickelte sich nicht im britischen Sinn. Pläne, das Land zwischen Juden und Arabern aufzuteilen, scheiterten, und die Briten gerieten zwischen die Fronten, bis sie sich 1947 zurückzogen. Bis heute verübeln die Palästinenser dem Königreich die Geburtshilfe für den verhassten Staat, während ihm die Israelis halbherzige Unterstützung vorwerfen.

          Das Programm ist fein austariert

          Im Jahr vor dem Abzug der britischen Truppen hatten militante Zionisten Londons Hauptquartier in Jerusalem angegriffen und 91 Menschen getötet – untergebracht war es in dem Hotel, das nun seine Suite für den Prinzen hergerichtet hat. Am Dienstag traf William den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu, nachdem er einen Kranz in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem niedergelegt hatte. In den kommenden Tagen wird William auch das Grab seiner Urgroßmutter, Prinzessin Alice, auf dem Ölberg besuchen.

          Das Prinzenprogramm ist fein austariert. Es begann in Jordanien, wo die meisten Palästinenser leben, und sieht eine Begegnung mit Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas in Ramallah vor. Leichte Verstimmung rief Williams geplanter Spaziergang durch Alt-Jerusalem hervor. Der Kensington Palast verortete den Stadtteil in den „besetzten palästinensischen Gebieten“, was einzelne Zeitungen und Politiker in Israel als „Politisierung“ kritisierten.

          In der israelischen Version des Besuchsprogramms ließ der Kensington Palast das Wort „besetzt“ dann streichen. Anders als Washington sieht London Jerusalem nicht als geeinte Hauptstadt und hat auch seine Vertretung in Tel Aviv belassen. Die Botschaft des Prinzen ist mehr symbolischer Natur.

          Jahrzehntelang hatte Israel in London vergeblich sondiert, ob das Königshaus einer Einladung folgen würde. Dass dies nun möglich wurde, freut Netanjahu umso mehr, als der Besuch in das Jahr fällt, in dem Israel 70 Jahre Staatsgründung feiert. In London heißt es, die beiden Ereignisse hätten nichts miteinander zu tun, aber es wird in Kauf genommen, dass die Visite Netanjahu in die Hände spielt. Sie stärkt dessen Argument, dass auch ein harte, unversöhnliche Haltung gegenüber den Palästinensern Israel nicht international isoliert.

          Auch die britische Regierung hat ein Interesse daran, die Beziehungen zu normalisieren. Trotz aller Differenzen im Umgang mit den Palästinensern und dem Iran steigt der Handel. Rüstungsverkäufe an Israel erreichten sogar einen Rekorderlös. Auch die militärische Zusammenarbeit ist enger geworden. Britische Kriegsschiffe gehen regelmäßig in israelischen Häfen vor Anker, gemeinsame Übungen finden statt. Kritik an der Reise ist nur vereinzelt zu hören. Zur Mitte seines Staatsbesuchs darf William sich freuen, dass er zuhause kein großes Thema ist.

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