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Mythen und Klitterung : Wie Polens Politiker die Geschichte instrumentalisieren

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Figuren von Jaroslaw Kaczynski (links), dem Vorsitzenden der in Polen regierenden PiS und dem ungarische Premierminister Viktor Orban auf einem Karnevalswagen beim Rosenmontagsumzug in Düsseldorf Bild: EPA

Die Polen sind von ihrer Geschichte besessen und projizieren ihre Hoffnungen und Erwartungen in die Vergangenheit. Das macht sich die Politik zu Nutze. Ein Gastbeitrag.

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          Unermessliche Schätze sollen sich im Boden unter der niederschlesischen Stadt Walbrzych verstecken. Alle paar Jahre kochen Gerüchte über die Lage des sagenhaften „Goldenen Zuges“ hoch, den die Nazis angeblich während ihrer Flucht vor der Roten Armee in einem Bergwerk zurückließen. Zuletzt sorgten im Sommer 2017 vermeintliche Ultraschallbilder des Goldzuges für Euphorie. Schatzsucher und Einheimische waren sich einig – der Fund der sagenhaften Reichtümer stand unmittelbar bevor.

          Als das erhoffte Wunder ausblieb, reagierten die Bürger der Stadt mit schwarzem Humor. Auf einem Graffiti stand „zur Hölle mit dem Eiffelturm, wir haben den Goldenen Zug!“. Immerhin verdienten sich die Einheimischen etwas durch die Touristen und Glücksritter hinzu, die in der Stadt übernachteten oder ihre Einkäufe erledigten.

          Dieser Fall steht sinnbildlich für den Umgang der Polen mit ihrer Geschichte: Sie sind von ihr besessen und projizieren ihre Hoffnungen und Erwartungen in die Vergangenheit. Dies macht sich die Politik zu Nutze, die Geschichte als Ressource verwendet.

          In Polen funktioniert Geschichte noch als gemeinsame Erzählung, als Lagerfeuer, um das sich alle Bürger versammeln. Es gibt Daten, Helden und Mythen, die jeder Pole kennt: Die Schlacht bei Grunwald (deutsch: Tannenberg) gegen den Deutschen Orden im Jahr 1410, die Aufstände der Jahre 1830/31 und 1863 gegen die Zarenherrschaft, der Verteidigungskampf vor den Toren Warschaus gegen die anrückenden Bolschewiki im Sommer 1920 und viele mehr. Diese Geschichten handeln meist von der tapferen Verteidigung der Heimat gegen die Gefahren von außen.

          Narrativ vom Abwehrkampf gegen fremde Mächte

          In Deutschland kann sich dagegen kaum jemand Daten und Fakten des Dreißigjährigen Krieges, der Reformation oder der Befreiungskriege gegen Napoleon merken. Das liegt unter anderem an der zersplitterten Erinnerungskultur in Deutschland: Für das katholische Oberbayern war der Thesenanschlag Luthers kein positives Ereignis, das Rheinland erlebte den Sieg der Preußen gegen den Kaiser der Franzosen nur als weitere fremde Besatzung. Gemeinsame Helden waren schwer zu finden, es gab wenige Anknüpfungspunkte für eine gemeinsame Erzählung.

          Die Polen kultivierten dagegen ihr national-historisches Narrativ vom Abwehrkampf gegen fremde Mächte. Es hielt die Idee der polnischen Nation in den Jahren der Fremdherrschaft durch das Zarenreich, Österreicher und Preußen, Nazideutschland und der Sowjetunion am Leben. Die polnische Leidensgeschichte, die bereits den Nationaldichter Adam Mickiewicz (1798-1855) dazu verleitete die Polen als „Christus unter den Völkern“ zu bezeichnen, fand im Zweiten Weltkrieg ihren traurigen Höhepunkt. Damit haben Deutschland und Polen eine Sache in ihrer Erinnerungskultur gemeinsam: Für beide sind die Ereignisse der Jahre 1939-1945 zu einem Fixpunkt ihrer Geschichtspolitik geworden.

          Das Schloss von Walbrzych: In der malerischen Stadt wird alle Jahre wieder nach einem Zug voller Gold gesucht.
          Das Schloss von Walbrzych: In der malerischen Stadt wird alle Jahre wieder nach einem Zug voller Gold gesucht. : Bild: AP

          Deutschland betrachtet sich selbst als Musterschüler gelungener Aufarbeitung. Ein Land, das aus der Vergangenheit gelernt hat und verantwortungsbewusst mit ihr umgeht. Gleichzeitig stolpert der deutsche Diskurs immer wieder über die Ereignisse der NS-Zeit: Seien es leichtfertige Hitler-Vergleiche in der Politik oder die Diskussion um ein angemessenes Gedenken. Oft versucht man daher das Thema zu umgehen, um ja keine Skandale oder Kontroversen hervorzurufen. Aufarbeitung ist stellenweise zur Tabuisierung geworden. Die AfD betrachtet die kritische Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges dagegen als „Schuldkult“ und möchte sie in einer „erinnerungspolitische Wende“ überwinden. Ein deutlicher Unterschied zur politischen Rechte in Polen, die in Form der PiS die Regierung stellt. Genau wie im Fall des „Goldenen Zugs“ in Wałbrzych, nutzt sie Geschichte, um Hoffnungen und Euphorie zu wecken, egal, wie irrational das scheinen mag. 

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