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Robert Biedron : Wie Polens bekanntester Schwuler die Politik aufmischt

Vom Bürgermeister zum Regierungschef? Robert Biedron hat Ambitionen. Bild: Getty

Jung, europäisch und antiklerikal: Robert Biedron hat eine Partei gegründet, die so gar nicht ins konservative Polen passen will. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie sehr erfolgreich werden könnte.

          5 Min.

          Die Szene hatte etwas Theatralisches, fast Märchenhaftes. Zehn Hochzeitspaare samt Gästen drängen sich im Rathaus einer Stadt in Pommern. Ein altertümlicher, holzgetäfelter Saal, an der Wand ein mächtiges Kruzifix, auf der anderen Seite neogotische Buntglasfenster. Davor der Zeremonienmeister in schwarzem Talar samt roten Schulterstücken, Amtskette und Wappenadler. Jetzt kann es losgehen: Der Mann verliest die Namen, nimmt Bräuten und Bräutigamen das Treueversprechen ab. Ein Paar ist besonders gerührt. „Ja, wir sind alle bewegt“, wirft der Mann ein. Seine fröhlich krähende Stimme entkrampft die Situation, schafft eine Atmosphäre der Ausgelassenheit, wie sie in den Amtsstuben des konservativen Polens sehr ungewöhnlich ist. Manche der Paare sind von weit her gekommen, um das alles erleben zu dürfen: eine Trauung durch Polens bekanntesten schwulen Bürgermeister.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          So war es vor drei Jahren im Rathaus von Slupsk, dem früheren Stolp. Die Szene ist bis heute auf Youtube zu sehen. Nach diesen zehn Paaren hat Bürgermeister Robert Biedron, der Mann mit der Amtskette, dann noch viele weitere getraut. In Stolp hat Biedron vier Jahre lang als Bürgermeister kommunalpolitische Kärrnerarbeit geleistet und dabei mit großer Freude auch Ehen gestiftet. Irgendwann sagte er aber, was ihm bei diesen Zeremonien außerdem noch durch den Kopf ging: Dass er selbst seinen Partner Krzysztof auf absehbare Zeit nicht würde heiraten können. Jedenfalls nicht in Polen. Eine rechtliche Form für homosexueller Partnerschaften ist hier nicht in Sicht.

          Die ersten Schritte als Aktivist

          Ein Paar versucht gerade zu erkunden, ob man einen solchen Bund im Ausland schließen und dann in Polen registrieren könne: Jakub und Dawid haben in Portugal geheiratet, sind jedoch unlängst vor einem polnischen Verwaltungsgericht mit ihrem Anliegen gescheitert. Sie werden dagegen klagen, freuen sich jedoch, dass die Tür jetzt zumindest einen Spalt weit offen ist: In ihrer Urteilsbegründung schrieben die Richter, die Verfassung stehe der Anerkennung einer gleichgeschlechtlichen Ehe nicht entgegen. Alles andere sei Aufgabe des Gesetzgebers. Mit genau diesem Anliegen, dem Kampf für die Rechte von Homosexuellen, ist Robert Biedron in Polen bekannt geworden. Lange war er der berühmteste Schwulenaktivist des Landes. Von 2001 bis 2009 leitete er die „Kampagne gegen Homophobie“. Damals begannen Polens LGBT-Aktivisten in vielen Großstädten jährliche Umzüge zu halten. Wegen seines Engagements wurde er auf der Straße beschimpft und bespuckt. Inzwischen ist die polnische Gesellschaft in dieser Frage aber liberaler geworden, und Biedron muss irgendwann erkannt haben, dass er nicht ewig LGBT-Aktivist würde bleiben können. Dass er versuchen könnte, sich freizuschwimmen. Dass er unter den vielen Soldaten im Kampf um Schwulenrechte derjenige sein könnte, der in seinem Tornister den Marschallstab entdeckt.

          Der war ihm nicht in die Wiege gelegt. Biedron kam 1976 in der konservativsten Ecke Polens zur Welt, in einem Dorf im Südosten, wo die Menschen doppelt so oft in die Kirche gehen wie am anderen Ende, im unfrommen Pommern. Dort, im Vorland der Karpaten, besuchte er eine Hotelfachschule.

          Damals entdeckte Biedron auch seine Homosexualität. Es war ein Schock; er war verzweifelt und fühlte sich alleingelassen. Der Gegenschock kam dann 1995, als er per Anhalter nach Berlin fuhr und die dortige LGBT-Szene kennenlernte. Er verliebte sich Hals über Kopf in einen Deutschen. Aus der Beziehung wurde zwar nichts, doch nach seiner Rückkehr nach Polen wurde er selbst in der Schwulenbewegung aktiv.

          Er studierte Politikwissenschaft und schloss sich zunächst der postkommunistischen Linken an. Das führte nicht weit, denn diese Kraft hatte ihre besten Zeiten damals längst hinter sich. Da gründete ein Parteirebell aus Donald Tusks liberaler Bürgerplattform, der Unternehmer Janusz Palikot, eine neue Bewegung. Palikot setzte auf Provokation und ließ sich vor der Parlamentswahl 2011 auf einem Magazincover in der Pose eines halbnackten Christus am Kreuz abbilden. Seine antiklerikale Partei bekam zehn Prozent. Einer ihrer siegreichen Kandidaten im Norden, im Wahlkreis Gdingen-Stolp, war Biedron. Er war damit der erste bekennende Homosexuelle im polnischen Sejm.

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