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Wie Piraten Schiffe entern : Wenn Drohen nicht hilft, aufgeben!

  • -Aktualisiert am

Piraten tragen Maschinengewehre mit sich, Panzerfäuste und Granatwerfer Bild: dpa

Warum ist es so einfach, auf hoher See einen Supertanker zu entern? Weil die Piraten schwer bewaffnet sind und die Schiffsbesatzungen dem praktisch nichts entgegensetzen können, haben die Reeder die strikte Anweisung erteilt aufzugeben.

          Seeräuber halten derzeit in und vor Somalia 340 Seeleute als Geiseln. Deutsche Reedereien sprechen nicht nur deshalb von einer neuen Qualität der Seeräuberei innerhalb einer ohnehin schon besorgniserregenden Entwicklung: Die Lösegeldforderung von 25 Millionen Euro für den vor einer Woche gekaperten Öltanker „Sirius Star“ liegt höher als die gesamten Erträge, die die anderen etwa 80 Überfälle seit Jahresbeginn den Piraten einbrachten. In der Regel wird etwa ein Fünftel des Erlöses angelegt für den Kauf neuer Boote und Waffen.

          Das Vorgehen aber bleibt weitgehend gleich. Ausgangspunkt sind als Fischtrawler getarnte Trägerschiffe, von denen Schnellboote mit starken Außenbordmotoren herabgelassen werden. Um dem Radar auszuweichen und unentdeckt zu bleiben, nähern sich die Boote den Schiffen meist von hinten. Die Piraten müssen indessen nicht nur darauf setzen, nicht erkannt zu werden. Haben sie einmal ein Schiff eingeholt und die Bordwand erreicht, gibt es kaum Möglichkeiten für die Besatzung, sich zu wehren.

          Wendemanöver und Drohgebärden

          Die Angreifer tragen Maschinengewehre mit sich, Panzerfäuste und Granatwerfer. Die Schiffskapitäne haben deshalb strikte Anweisungen ihrer Reeder und des Reederverbands: Wenn sie den Entführern nicht durch Wendemanöver oder Drohgebärden entkommen können, sollen sie aufgeben. Die Schiffsbesatzungen sind unbewaffnet, und dem Ratschlag, die Schiffe mit bewaffnetem Sicherheitspersonal aufzurüsten, stehen viele Reeder skeptisch gegenüber – weil sie Gefechte auf Kosten ihrer Besatzungen, ihre Schiffe und ihrer Fracht fürchten.

          Wenn sich die Besatzungen dann doch einer Kaperung zu erwehren versuchen, geben sie ein recht unbeholfenes Bild ab: Sie setzen Feuerlöscher oder Wasserkanonen ein. Die bremische Beluga-Reederei erwägt seit der Kaperung der „BBC Trinidad“, sogenannte Geräuschkanonen einzusetzen, die den Piraten unerträgliche Hörschmerzen bereiten sollen; der Beluga-Reeder Niels Stolberg zögert aber mit dem Einsatz auf seinen 57 Schiffen.

          Vermeintliche Heldenakte lohnten sich weder für die Sicherheit der Besatzung noch der Schiffe, sagt der Sprecher des Verbandes Deutscher Reeder, Max Johns. Ihre Waffen setzen die Piraten selten ein; in den vergangenen Tagen beschossen sie indessen mindestens zwei Frachter, die ihnen entkommen konnten; die Schiffe wurden dadurch beschädigt, auf einem der Frachter brach Feuer aus. Ein Tanker wie die „Sirius Star“ kann das nicht riskieren – eine brennende Ölfracht brächte ungefähr so großen Schaden wie das Lösegeld.

          Die Lotsentür freiwillig geöffnet?

          Auch bei größeren Bordhöhen – zwischen sechs und mehr als zwanzig Metern – ist ein Entern meist nur ein geringes Problem, wenn sich die Besatzungen nicht mit Gewalt zur Wehr setzen wollen. Bei der „Sirius Star“ hat man vermutlich sogar die Lotsentür nahe der Wasseroberfläche freiwillig geöffnet, um Waffengewalt zu vermeiden. Nur so ist zu erklären, wie relativ kleine Gruppen von Seeräubern, ehemalige Fischer, einen Supertanker besetzen können. Sie abzuschrecken dürfte ohnehin schwierig sein, weil sie aus einem Land kommen, das verhungert, und weil ihre Lebensgrundlage, die Fischerei, durch Fangfabrikschiffe aus China und Korea, aber auch aus Spanien, Griechenland und Russland zerstört wurde.

          Allerdings deutet die jüngste Entwicklung darauf hin, das es sich bei den Seeräubern nicht nur um ehemalige Fischer handeln kann. Die technische Ausrüstung und logistische Vorbereitung der Seeräuber hat sich binnen kurzer Zeit verbessert – sie orten Schiffe mit tragbaren Satellitengeräten, sie wissen über die Ladung und die Route genau Bescheid, sie haben Finanzierungsnetze und Geldtransfers über Mittelsmänner ausgebaut. Die jeweiligen Reedereien werden rasch und gezielt mit klaren Forderungen angesprochen.

          Der rasche Erfolg der Piraterie hat offenbar neue Gruppen angelockt, die den „Warlords“ im somalischen Puntland und ihren Seeräubern Konkurrenz machen. Genannt werden Verbindungen bis nach Kenia und Dubai, vermutet werden auch Verbindungen zu islamistischen Terrororganisationen wie Al Qaida. Die Verfolgung der Piraten sollte in vielen Fällen nicht schwierig sein: Vermutete Mutterschiffe sind auf Websites abgebildet – lange weiße, in Russland gebaute Fischtrawler mit den Namen „Burum Ocean“, „Arena“ oder „Athena“. Ihre jeweiligen Positionen werden täglich durchgegeben.

          Wie eine Kaperung abläuft

          Die Kaperung des MS „BBC Trinidad“ der bremischen Reederei Beluga am 21. August - die dritte eines deutschen Schiffes seit Jahresbeginn - lief nach einem bekannten Muster ab: Nach einer Kaperung nahebei und der Warnung, es seien verdächtige Boote in der Umgebung, setzt der Kapitän die Mannschaft in erhöhte Alarmbereitschaft. Nach der Sichtung eines Mutterschiffes und von zwei schmaleren Schnellbooten gibt er Alarm, kann aber trotz Zickzackmanöver das Entern nicht verhindern. Der Reederei in Bremen gibt er ein verdecktes Signal und übermittelt den Standort.

          Eine nur 21 Seemeilen entfernte Marinepatrouille der Nato, die „Joint Task Force“ reagiert auf einen Notruf nicht.

          Neun Piraten in zwei Schnellbooten, bewaffnet mit Gewehren und zwei Panzerabwehrfäusten, geben vor dem Entern einen Warnschuss ab. Sie kommen an Deck über das Freibord unter und neben der Brücke, 180 Zentimeter über der Wasseroberfläche. Sie durchsuchen die Kabinen, nehmen Habseligkeiten der Matrosen an sich und schalten die Kommunikation des Schiffes aus. Der Kapitän erhält den Befehl, die Bucht von Eyl im autonomen Puntland in Somalia anzusteuern, einen Zufluchtshafen der Piraten. Dort ankert das Schiff neben weiteren gekaperten Handelsschiffen. Die Besatzung darf Angehörige anrufen, muss aber auch Medien benachrichtigen - die Piraten wollen den Druck der Öffentlichkeit erhöhen.

          Alle Piraten sind Somalier und kauen die Khat-Droge. Der Anführer sagt, sie seien aus drei Clans, er gehöre dem des Präsidenten an (der beharrlich eine Verbindung zu den Piraten abstreitet). Sie berichten, sie hätten im Mai auch den Massengutfrachter „Lehmann Timber“ aus Lübeck entführt. Das Lösegeld von 1,1 Millionen Dollar, überbracht von einem in die Bucht fahrenden Schlepper, wird sofort in 18 Teile geteilt - jeder Pirat erhält zwischen 40.000 und 160.000 Dollar. Die Piraten verlassen das Schiff und geben die beschlagnahmten Laptops zurück, nicht aber die Mobiltelefone - bis auf eines, das ihnen nicht modern genug erschien.

          Die „Joint Task Force“ der Nato lehnt nun die erbetene Begleitung in sichere Gewässer ab.

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