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Metropole im Wandel : Wie Moskau zu Putins glänzendem Showroom wird

Hoch hinaus: Die Architektur Moskaus gleicht sich der westlicher Metropolen an – als Vorbilder dienen Städte wie Berlin, New York oder Melbourne. Bild: Reuters

Moskau putzt sich heraus, das Vorbild sind westliche Metropolen. Aber das ist nur die Oberfläche. Denn im öffentlichen Raum fehlt die Öffentlichkeit.

          Noch vor kurzem war Moskau keine Stadt für Fußgänger. Die Parks waren verwildert, Jagdgebiete für Schießbudenbesitzer und streunende Hunde. Die Bürgersteige waren Parkplätze für die Unglücklichen, die aus ihren Autos aussteigen mussten. Diese Zeit ist vorbei. Bezahlparkplätze, Geschwindigkeitskameras und Strafen halten Autofahrer im Zaum. Viele Bürgersteige im Zentrum wurden auf Kosten der Straßen verbreitert und neu gepflastert.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Kunstvoll geschwungene Bänke und breite Schaukeln laden Fußgänger zum Verweilen ein. Kiosks und Imbissbuden, die bis vor ein paar Jahren die Eingänge zur Metro umlagerten, wichen in nächtlichen Räumaktionen. Es entstehen Cafés, Bars, Restaurants, wie es sie auch in Berlin, New York, London geben könnte. Ihr Personal ist jung und freundlich, viele sprechen Englisch.

          Eine Backsteinfabrik und -brauerei nach der anderen wird zum schicken Ausgehviertel. Es gibt immer mehr Fußgängerampeln und Zebrastreifen, an denen die Autofahrer tatsächlich halten. Viele Busse sind neu, die alten Oberleitungsbusse verschwinden. Manche Moskauer wagen gar, das Fahrrad zu nehmen, im Zentrum sind Radwege angelegt worden. Ziemlich leer sind sie freilich, nicht nur im Winter. Russlands Hauptstadt wird moderner. Man könnte denken: westlicher. Aber das ist nur die Oberfläche.

          Die Entdeckung des „öffentlichen Raums“

          Es gab eine Zeit, als von der „Hipsterisierung“ Moskaus die Rede war. Zu Beginn des Jahrzehnts kam ein neuer Bürgermeister, Sergej Sobjanin, und ernannte bald einen energischen Mittdreißiger zu seinem Kulturminister der Hauptstadt: Sergej Kapkow. Der war vorher Direktor des Gorki-Parks gewesen und hatte es in wenigen Monaten fertiggebracht, viele neue Besucher anzulocken.

          Sein Erfolgsrezept für den bekanntesten Park der Hauptstadt: neue Beleuchtung, frisch asphaltierte Wege, Fahrradverleih, ein Sommerkino, Freiluftyoga, Tanzabende und im Winter eine riesige Eislaufbahn. Es machte Schule. Ein Park nach dem anderen verlor sein verwittertes Sowjetgesicht. Halfpipes und Foodtrucks zogen ein. Kapkow, wie der Bürgermeister Mitglied der Machtpartei „Einiges Russland“, wurde Frontmann der Entwicklung. Auch Theater und Bibliotheken wurden umgebaut.

          Moskau entdeckte den „öffentlichen Raum“, als Begriff und in Wirklichkeit. Das Konzept ist aus dem Westen importiert, was keinen störte. Die Schlagwörter der Stunde waren Modernisierung, Erneuerung, Innovation: Das war die Rhetorik bis hinauf zum Präsidenten, Dmitrij Medwedjew, den Wladimir Putin für die Zeit zum Statthalter gekürt hatte, in der er selbst Ministerpräsident war.

          Der Trend endete 2012 mit einer Protestwelle, die sich gegen Wahlfälschungen und die Rückkehr Putins ins Präsidentenamt richtete. Damals ging ausgerechnet die Jugend der Hauptstadt auf die Straße. Die Leute, die neuerdings am Wochenende im Gorki-Park Skateboard fuhren.

          Was folgte, waren Schauprozesse zur Einschüchterung und Parolen von der Konfrontation Russlands mit dem Westen, von traditionellen Werten und Patriotismus. Krim-Annexion und Ukraine-Krieg verstärkten den Trend, die Rhetorik von Russland als „belagerter Festung“ verschärfte sich. Kapkow ging im Frühjahr 2015, angeblich frustriert, weil seine Initiativen blockiert wurden. Er schweigt dazu.

          Trotzdem öffnen, als wäre nichts gewesen, in Moskau immer neue Hamburgerläden. Exotische Imbisse ziehen in die traditionellen Märkte in großen Hallen ein. Fort sind die alten Frauen, die selbstgezogene Rüben verkaufen. Stattdessen bilden sich lange Schlangen am Stand mit vietnamesischen Suppen. Die Stadt hat für die Modernisierung eine Vielzahl von Programmen aufgelegt, für Fußgängerzonen, für Uferstraßen. Das Bekannteste heißt „Meine Straße“: Es werden Fassaden saniert, Bürgersteige abgesenkt, Laternen aufgestellt, Bäume in Graniteinfassungen gepflanzt, Granitplatten verlegt.

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