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Skripal-Attentat : Der dritte Attentäter

Im britischen Salisbury, wo Sergej Skripal und seine Tochter Julja, entfernen Ermittler die verseuchte Parkbank (Archivfoto). Bild: EPA

Recherchen legen nahe, dass am Giftanschlag auf den russischen Agenten Sergej Skripal noch eine weitere Person beteiligt war. Auch sie arbeitete für den russischen Militärgeheimdienst.

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          Zu Beginn dieses Jahres war „Sergej Fedotow“, mit echtem Namen Denis Sergejew, aus allen staatlichen Registern Russlands verschwunden. Schritt für Schritt, so schreibt der britische Rechercheverbund Bellingcat in seinen jüngsten Enthüllungen über den mutmaßlichen dritten Skripal-Attentäter, seien die vorhandenen Informationen seit Beginn der Recherche im Oktober 2018 gelöscht worden. Die russischen Behörden hätten offenbar beispiellose Maßnahmen ergriffen, um die Spuren der Existenz Sergejews zu beseitigen, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten Bericht mit Details zur Recherche. „Eine solche Bereinigung kann realistischerweise nicht ohne die direkte Beteiligung des russischen Staates durchgeführt werden.“

          Sofia Dreisbach

          Redakteurin in der Politik.

          Das hat Bellingcat, seinen russischen Partner „The Insider“ und die tschechische Wochenzeitung „Respekt“ jedoch nicht davon abgehalten, überzeugende Informationen über die Identität eines dritten Mannes zu sammeln. Auch er soll am Giftanschlag auf den früheren russischen Agenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia in London im vergangenen Jahr beteiligt gewesen sein.

          Auf die Fährte „Fedotows“ führte die Medien ein Lapsus des russischen Militärgeheimdiensts GRU, der schon während der ersten beiden Recherchen aufgefallen war. Am 2. März 2018, zwei Tage bevor Skripal und seine Tochter bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury gefunden wurden, saß in einem Aeroflot-Flug von Moskau nach London Heathrow ein Mann, dessen Passnummer sich nur um die letzten zwei Ziffern von denen der identifizierten Attentäter unterschied. Diese wiederum nahmen am selben Tag einen anderen Flug nach London-Gatwick. Ein Whistleblower bestätigte die Vermutung: Das von ihm weitergegebene Pass-Dokument „Fedotows“ wurde von derselben Stelle ausgestellt wie auch die Pässe der anderen beiden Männer, auch der Grund für die Erneuerung war derselbe: „Unbrauchbarkeit des vorherigen Passes.“

          Kriegsveteran und Geheimdienstler

          Nach Auskunft der Passagierlisten handelte es sich bei dem Reisenden um „Sergej Fedotow“, geboren am 17. September 1973 – aller Wahrscheinlichkeit nach ein Deckname. Auf der Suche nach der wahren Identität glich das Recherchenetzwerk Hunderte bekanntgewordene Datensätze mit Decknamen und Geburtsdatum „Fedotows“ ab: Papiere von Fahrzeughaltern, Wohnortverzeichnisse, Steuernummern, Kreditunterlagen. Ein Treffer wies Unregelmäßigkeiten auf. Im örtlichen Melderegister des angegebenen Geburtsorts fand sich etwa keine Bestätigung für seine Existenz. Der angebliche Arbeitgeber, die Firma „Business-Courier“, existierte vier Jahre auf dem Papier, hatte aber anscheinend nie Geschäfte gemacht. Unter der Adresse wohnte eine Familie mit demselben Nachnamen – doch niemand schien mit einem „Sergej“ verwandt zu sein, die vier Telefonanschlüsse waren nicht erreichbar. „Fedotow“ war eine Scheinexistenz.

          Weitere Recherchen ergaben, dass der Mann mit echtem Namen Denis Sergejew heißt, 45 Jahre alt ist, in Kasachstan geboren wurde und „in führender Funktion“ beim GRU arbeitet. Er soll Befehlshaber einer Fallschirmjägerkompanie im 108. Regiment der Luftwaffe gewesen sein, die in Noworossijsk an Russlands Schwarzmeerküste stationiert ist. Sie spielte eine zentrale Rolle im Dagestan-Krieg 1999 in der kaukasischen Teilrepublik und während des Zweiten Tschetschenien-Kriegs. Nach einer Verwundung in Dagestan erhielt Sergejew eine staatliche Auszeichnung. Nachdem Bellingcat auf die wahre Identität des Mannes gestoßen war, wurde schnell klar, dass auch er für den Militärgeheimdienst arbeitete. So war als seine Adresse etwa das Studentenwohnheim der Militärakademie des Verteidigungsministeriums in Moskau angegeben – mit Frau und Tochter, von 2006 bis 2012. Sergejew reiste außerdem mehrfach mit Personen, die ihren Wohnsitz oder das Auto im Hauptsitz des GRU gemeldet haben – und international offensichtlich nie unter richtigem Namen.

          Die gesammelten Reisedaten ließen die Bellingcat-Mitarbeiter aufhorchen. An die Auskünfte sind sie über Whistleblower oder durch Sicherheitslücken gelangt. Grenzübertritte, Flugbuchungen und die Auswertung einer innerrussischen Passagier-Überwachung lassen vermuten, dass „Fedotow“ auch an einem Anschlag auf den bulgarischen Geschäftsmann Emilian Gebrew beteiligt war. Vier Tage bevor er im März 2015 mit schweren Vergiftungserscheinungen zusammengebrochen und ins Koma gefallen war, landete „Fedotow“ in Bulgarien. Einige Stunden nach dem Vorfall flog er von Sofia aus über Istanbul nach Moskau. Bulgariens Parlament hat nun Geheimdienstinformationen über den Anschlag angefordert. Doch das alles will in Russland niemand offiziell bestätigen. BBC Russia hat mit der Ehefrau Sergejews gesprochen. Sie sagt, es sei ein „Märchen“, dass ihr Mann für den GRU arbeite. Seitdem geht sie nicht mehr an ihr Telefon.

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