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Justin Trudeau : Wie Kanada zwischen die Fronten Irans und Amerikas geriet

  • -Aktualisiert am

Pressekonferenz zum Flugzeugabsturz: Premierminister Justin Trudeau Bild: dpa

Wieder ist Kanada Opfer des amerikanisch-iranischen Konfliktes. Premierminister Trudeau wollte eigentlich das Verhältnis zu Teheran normalisieren – der Flugzeugabsturz und Trumps Deeskalation machen es ihm schwer.

          4 Min.

          Am Mittwochabend zentralkanadischer Zeit wurde Außenminister François-Philippe Champagne beauftragt, mit dem iranischen Außenminister Dschawad Zarif zu telefonieren. Kontakt zwischen den Regierungen in Ottawa und Teheran ist selten. Seit 2012 unterhalten die beiden Staaten keine diplomatischen Beziehungen mehr. In der kanadischen Hauptstadt hieß es, beide Seiten hätten einander nach dem „Absturz“ von Flug PS 752 von Teheran nach Kiew „kondoliert“. An Bord der ukrainischen Maschine mit insgesamt 176 Passagieren und Crew-Mitgliedern waren 82 Iraner und 63 Kanadier, darunter viele mit iranischen Wurzeln, die nach den Winterferien zurück in die Heimat fliegen wollten. In der ukrainischen Hauptstadt wartete ihr Anschlussflug über den Atlantik.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Champagne soll in dem Gespräch die Notwendigkeit hervorgehoben haben, dass kanadische Regierungsvertreter schnell Zugang nach Iran gewährt werde, um konsularische Dienste zur Verfügung zu stellen und bei der Identifizierung der Opfer zu helfen. Weiter hieß es: Champagne habe geäußert, das kanadische Volk habe viele Fragen, die beantwortet werden müssten. Der Anruf erfolgte zu einer Zeit – in Teheran war es schon früher Donnerstag –, als iranische Ermittler verkündeten, ihrem vorläufigen Befund zufolge sei das Flugzeug aufgrund eines technischen Fehlers in Brand geraten.

          Amerikas Nachrichtendienste als wichtigste Quelle

          Es ist unklar, wann genau die kanadische Regierung erste nachrichtendienstliche Hinweise erhielt, dass dies nicht der Grund für den Absturz der Maschine vom Typ Boeing 737-800 war. Am Donnerstagnachmittag wandte sich Premierminister Justin Trudeau an die Öffentlichkeit: „Wir haben Geheimdienstinformationen von mehreren Quellen von unseren Bündnispartnern und eigene Informationen. Diese Informationen deuten darauf hin, dass das Flugzeug von einer iranischen Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde“, sagte er in einer Fernsehansprache. Dies könne durchaus versehentlich geschehen sein. Diese neuen Hinweise machten eine gründliche Untersuchung umso nötiger. Kanada arbeite mit seinen Bündnispartnern zusammen, um sicherzustellen, dass eine solche Untersuchung durchgeführt werde.

          Eine Quelle – mutmaßlich die wichtigste – für Trudeau waren amerikanische Nachrichtendienste. Diese hatten am frühen Donnerstag öffentlich gemacht, dass sie „sicher“ seien, die iranische Flugabwehr habe – wahrscheinlich aus Versehen – das Flugzeug abgeschossen. Amerikanische Satelliten, die in der Lage sind, Raketenabschüsse zurückzuverfolgen, sollen eine Abfangrakete erspäht haben. Zudem hörten amerikanische Dienste den iranischen Funkverkehr ab, über den bestätigt worden sei, dass die Flugabwehr den Absturz des Passagierflugzeugs verursachte. Videobilder legen nahe, dass die iranische Flugabwehrrakete russischen Typs neben dem Flugzeug über dem Ort Parand in der Nähe des Flughafens explodierte. Es müssen fürchterliche Momente für die Passagiere und Crew-Mitglieder gewesen sein. Das Flugzeug versuchte noch zum Flughafen umzukehren, bevor es abstürzte.

          „Etwas Fürchterliches, etwas Verheerendes“ sei passiert

          Es fiel auf, dass der amerikanische Präsident Donald Trump sich am Donnerstag wesentlich vorsichtiger äußerte als Trudeau – eine durchaus untypische Rollenverteilung. Als er am Donnerstag im Weißen Haus auf die Hinweise seiner Nachrichtendienste angesprochen wurde, äußerte er: Er habe einen „Verdacht“ und andere auch. Es sei eine „tragische Sache“. Jemand „auf der anderen Seite“ könnte einen Fehler gemacht haben. Das Flugzeug habe sich in einer ziemlich „rauen Gegend“ bewegt. „Einige sagen, es könnte einen technischen Grund gehabt haben.“ Er glaube nicht daran. Man müsse abwarten. „Etwas Fürchterliches, etwas Verheerendes“ sei passiert, sagte er noch. Und: Irgendwann müsse Iran die Blackbox übergeben – im besten Falle an Boeing. Wenn sie es Frankreich oder einem anderen Land gäben, wäre das auch in Ordnung.

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