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Freitod im Gerichtssaal : Wie kam Slobodan Praljak an das Gift?

In Mostar stellten Kroaten Kerzen für Slobodan Praljak auf Bild: AP

In Kroatien wird der Kriegsverbrecher Slobodan Praljak nach seinem Freitod im Gerichtssaal als Held gefeiert. Doch wie konnte er das Gift unbemerkt in den Gerichtssaal bringen? Hierüber gibt es verschiedene Spekulationen.

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          Dass er sich nun das Leben genommen habe, belege seine „große Überzeugung, dass alles, was er gemacht hat, das Ziel hatte, Gutes für das kroatische Volk zu tun“. Der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenkovic ließ es sich nicht nehmen, den Angehörigen Slobodan Praljaks im Namen der Regierung seine Anteilnahme auszusprechen. Praljak und fünf weitere Verurteilte tragen nach Überzeugung des Haager Tribunals die Verantwortung für Kriegsverbrechen an muslimischen Bosniern während des Krieges in den Neunziger Jahren. Am Mittwoch hatte das UN-Gericht ein erstinstanzliches Urteil auf hohe Haftstrafen für die sechs bestätigt. Daraufhin führte sich Praljak, einst ein Theaterintendant und Filmproduzent, später Befehlshaber der bosnisch-kroatischen Truppen, noch im Gericht eine Flasche zum Munde, die offenbar tödliches Gift enthielt; er verstarb kurz darauf in einem Haager Krankenhaus.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Wie Praljak an den mutmaßlichen Gifttrank gekommen sein könnte, war am Donnerstag noch unklar. Die Staatsanwaltschaft in Den Haag bestätigte nur, dass in dem Fläschchen Spuren einer Substanz gefunden worden seien, „die zum Tod führen könnte“. Aufschluss über die Flüssigkeit dürften die Ergebnisse einer Autopsie liefern. Die niederländische Justiz hat in dem Fall ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts „der Beihilfe zum Selbstmord und der Missachtung des Arzneimittelgesetzes“ eröffnet. Der Amsterdamer Strafrechtler Frederiek de Vlaming äußerte gegenüber der Zeitung „De Volkskrant“ die Vermutung, Praljak sei beim Betreten des Gebäudes weniger streng überprüft worden, da die zuständigen Sicherheitsleute angenommen haben könnten, er sei schon beim Abtransport aus seiner Zelle im Haager Vorort Scheveningen ausreichend kontrolliert worden.

          Andere niederländische Medien zitierten den serbischen Anwalt Toma Fila, der es als „einfach“ bezeichnete, Gift in den Gerichtssaal zu schmuggeln. Die Kontrolle gleiche den Verfahren auf Flughäfen und richte sich vor allem auf Metallteile, nicht zuletzt Waffen, aber auch auf Sprengstoff. Dagegen gebe es keine Kontrollen von Tabletten oder kleinerer Mengen Flüssigkeit. Zudem wurde darauf verwiesen, dass es sich bei vielen Angeklagten nicht nur um ältere, sondern auch regelmäßig auf Arzneimittel angewiesene Personen handele.

          Plenkovic bezeichnete das Urteil als „inakzeptabel“

          In Kroatien wurde das Haager Urteil gegen die sechs bosnischen Kroaten sehr kritisch aufgenommen. Ministerpräsident Plenkovic bezeichnete das Urteil als „inakzeptabel“. Er führt die national-konservative Partei HDZ an, deren Gründer Franjo Tudjman während der jugoslawischen Sezessionskriege in Kroatien die Geschicke lenkte. Plenkovic sagte auf einer Pressekonferenz in Zagreb: „Mit dem Urteil wird fälschlich auf die Rolle der kroatischen Staatsspitze im Bosnienkrieg angespielt.“ Es sei „absurd“, dass in keinem der die sechs bosnischen Kroaten betreffenden Urteile die Verantwortung Serbiens für die Verbrechen in Bosnien bestätigt worden sei.

          Das Parlament in Zagreb hielt eine Schweigeminute für alle Opfer des Krieges in Kroatien und in Bosnien ab und forderte in einer Erklärung die Regierung auf, das Urteil mit allen rechtlichen und politischen Mitteln anzufechten.Die größte Oppositionspartei SDP beteiligte sich daran zwar nicht, um nicht „im Parlament einen verurteilten Kriegsverbrecher zu ehren“. Grundsätzlich lehnt aber auch die SDP die Aussagen des Haager Tribunals zur Verwicklung Zagrebs in den Bosnien-Krieg ab.

          Das Haager Gericht hatte befunden, die sechs Angeklagten hätten an einem gemeinsamen verbrecherischen Vorhaben unter Führung des damaligen kroatischen Präsidenten Tudjman teilgenommen. Man habe die damals proklamierte „Kroatische Republik Herceg-Bosna“ an Kroatien anschließen wollen. Plenkovic verwies hingegen darauf, dass Kroatien Bosnien-Hercegovina während des Angriffs durch Serbien Hilfe geleistet habe. Die kroatischen Streitkräfte seien aufgrund von Abkommen legal auf dem bosnischen Gebiet tätig gewesen, sie hätten ein ähnliches Massaker wie in Srebrenica verhindert und zusammen mit der bosnischen Armee einen großen Teil des bosnischen Gebiets befreit.

          Der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenkovic sprach den Angehörigen der Kriegsverbrechers im Namen der Regierung seine Anteilnahme aus.

          Tatsächlich hatten muslimische und kroatische Bosnier zunächst Seite an Seite gehen Serben gekämpft. Nachdem der gemeinsame Gegner vertrieben war, waren sie allerdings übereinander hergefallen. Symbol war die Zerstörung der „Alten Brücke“ von Mostar durch gezielten Beschuss, welche Slobodan Praljak angeordnet haben soll. Er und die fünf weiteren bosnisch-kroatischen Verurteilten hatten sich nach dem Bosnienkrieg in Kroatien aufgehalten, stellten sich aber 2004 nach der Anklage in Den Haag freiwillig.

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