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Verschärfte Corona-Regeln : Wie Italien einen zweiten Lockdown verhindern will

Im Kampf gegen Corona verschärft Italien die Vorschriften. Bild: Reuters

Nach einer schlimmen Phase im Frühjahr stand Italien bei der Corona-Bekämpfung zuletzt gut da. Doch die Neuinfektionen steigen wieder stärker an. Mit neuen Beschränkungen des öffentlichen Lebens stemmt sich die Regierung Conte gegen die zweite Welle.

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          Die italienische Regierung stemmt sich mit verschärften Schutzmaßnahmen und weiteren Einschränkungen gegen die zweite Welle der Sars-CoV-2-Infektionen. Ministerpräsident Giuseppe Conte unterzeichnete in der Nacht zum Dienstag nach langer Debatte im Kabinett sowie nach Aussprache mit den Vertretern der zwanzig Regionen ein entsprechendes Dekret, das für zunächst 30 Tage in Kraft bleibt. Schon seit vergangenem Donnerstag gilt im ganzen Land die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes auch im Freien, es sei denn, man geht alleine und im erforderlichen Abstand zu Fremden einem Individualsport wie Joggen oder Radfahren nach.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die bereits seit Anfang September verfügte Schließung von Diskotheken und Tanzlokalen bleibt bestehen. Für Restaurants und Bars gilt eine allgemeine Sperrstunde um Mitternacht. Nach 21 Uhr dürfen vor Lokalen keine Gäste mehr stehen oder gar Getränke und Speisen konsumieren. Die Bewirtung darf auch nicht mehr am Tresen, sondern muss an Tischen innerhalb des Lokals oder unmittelbar davor erfolgen.

          Diese Bestimmung soll verhindern, dass es zur Bildung dessen kommt, was in Italien mit dem ursprünglich spanischen Wort als „movida“ bezeichnet wird: große und zudem oft laute Menschenansammlungen vor allem junger Leute vor populären Lokalen. Imbissstuben und Restaurants für Speisen zum Mitnehmen dürfen auch in den letzten drei Stunden vor der Sperrstunde geöffnet bleiben, Speisen und Getränke dürfen aber nach 21 Uhr nicht mehr in unmittelbarer Nähe verzehrt werden.

          Private Feiern sollen gemäß dringlicher Empfehlung der Regierung auf sechs Teilnehmer beschränkt werden. Das Tragen einer Maske wird bei solchen Gelegenheiten innerhalb der eigenen vier Wände beziehungsweise in dem besuchten Haushalt ebenfalls dringlich empfohlen, sofern Menschen zusammenkommen, die nicht im gleichen Haushalt leben. Dem Vernehmen nach hatte Gesundheitsminister Roberto Speranza von der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung auf ein vollständiges Verbot von privaten Feiern gedrängt, stieß aber im Kabinett und unter den Regionalpräsidenten auf entschiedenen Widerstand. Nach Erkenntnissen von Fachleuten erfolgen derzeit 75 Prozent der registrierten Neuinfektionen unter Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten. Zu privaten Feiern aus Anlass einer Hochzeit oder einer Taufe sowie bei Beerdigungen sind höchstens 30 Personen zugelassen.

          Die Reisefreiheit wird vorerst nicht eingeschränkt

          Kongresse und Messen bleiben unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregelungen erlaubt. Auch die Reisefreiheit, etwa von Risikogebieten in Gegenden mit wenigen Neuinfektionen, wird vorerst nicht eingeschränkt. In Sportstadien sind weiterhin höchstens tausend Zuschauer zugelassen, in Hallen 200 Personen. Die gleiche Höchstgrenze gilt für Kinos, Theater und Konzertsäle. Bei Kultur- und Musikveranstaltungen unter freiem Himmel sind tausend Zuschauer erlaubt, aber jeweils höchstens bis zu einer Kapazität von 15 Prozent. Teamsportarten und Ballspiele dürfen nicht mehr in Parks oder im Rahmen privater Verabredungen ausgeübt werden, sondern nur noch in Vereinen, die die Einhaltung der bekannten Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus gewährleisten müssen.

          Auch Schulausflüge werden bis auf Weiteres verboten. Einige Regionen hatten angesichts der steigenden Infektionszahlen eine Rückkehr vom Präsenz- zum Fernunterricht für Sekundarschüler gefordert. Dem hatte sich Schulministerin Lucia Azzolina von der Fünf-Sterne-Bewegung entschieden widersetzt. Sie führte dabei das Argument an, dass es bei Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln in den Schulräumen bisher kaum zur Übertragung des Virus gekommen sei. Als Infektionsrisiko wird dagegen der Transport in Schulbussen und auch in öffentlichen Verkehrsmitteln anerkannt, weil vor allem ältere Schüler dabei gegen die Sicherheitsmaßnahmen verstoßen. Die Arbeit im Homeoffice wird für Betriebe und vor allem in Behörden wieder verstärkt empfohlen. Im Dekret wird ein Anteil von 70 Prozent der Angestellten, die zu Hause statt im Büro arbeiten, als wünschenswert festgelegt.

          Es könnte zu lokal begrenzten Lockdowns kommen

          Im Gegenzug zu den Einschränkungen im öffentlichen Leben werden die Bestimmungen für die Quarantäne gelockert. In den meisten Fällen wird die Dauer der Isolation von bisher 14 Tagen auf zehn Tage reduziert. Personen mit einem positiven Corona-Test, die keine Symptome zeigen, dürfen sich zudem nach einem negativen Test statt bisher nach zwei aufeinanderfolgenden negativen Tests wieder frei bewegen. Im Fall einer vorsorglichen häuslichen Quarantäne, weil jemand engen Kontakt zu einem Infizierten hatte, kann die Dauer der Isolation ebenfalls von 14 auf zehn Tage reduziert werden, sofern ein negatives Testergebnis vorliegt.

          Ministerpräsident Giuseppe Conte schloss abermals einen nationalen Lockdown wie von Anfang März bis Ende Mai aus. „Wir haben hart gearbeitet, um einen zweiten Lockdown im ganzen Land zu vermeiden“, sagte Conte: „Wir haben die Krankenhäuser und das Gesundheitswesen gestärkt. Wir nehmen jeden Tag eine beeindruckend hohe Zahl an Tests vor.“ Sollte die Epidemiekurve jedoch weiter steigen, könnte es zu lokal begrenzten Lockdowns kommen. Am Montag wurden in Italien 4619 Neuinfektionen binnen 24 Stunden registriert. An den Tagen zuvor war mehrfach die Schwelle von 5000 neuen Sars-CoV-2-Infektionen überschritten worden.

          So wie hier, im August, soll es vor Restaurants und Bars nicht mehr aussehen: Nach 21 Uhr dürfen vor Lokalen künftig keine Gäste mehr stehen oder gar Getränke und Speisen konsumieren.
          So wie hier, im August, soll es vor Restaurants und Bars nicht mehr aussehen: Nach 21 Uhr dürfen vor Lokalen künftig keine Gäste mehr stehen oder gar Getränke und Speisen konsumieren. : Bild: dpa

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