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Homosexuelle in Tschetschenien : Zwanzig Stockschläge – das halten viele nicht aus

Aktivisten mit Putin-Masken demonstrieren vor der russischen Botschaft in London gegen das Vorgehen gegen Homosexuelle in Tschetschenien. Bild: dpa

Homosexuelle in Tschetschenien werden verhaftet und gefoltert. Viele fliehen vor dieser Barbarei. Denn selbst die eigene Familie könnte zur Gefahr werden. Ein Blick gen Kaukasus.

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          Die Gefangenen wurden mit Elektroschocks gequält, mehrmals am Tag geschlagen. „Manche wurden halb totgeprügelt und den Verwandten wie ein Sack voll Knochen übergeben. Konkret weiß ich von zwei Todesfällen.“ So berichtete es ein Zeuge der russischen unabhängigen Zeitung „Nowaja Gaseta“. Die festgenommenen Männer mussten durch ein Spalier ihrer Bewacher gehen, dabei wurden sie mit Stöcken und Rohren geschlagen. „Drei oder vier Schläge sind schwer zu ertragen, es tut irre weh, aber wenn du durch zwanzig durchmusst – das halten viele nicht aus“, sagte ein anderer Zeuge. Die Bewacher hätten immer unter die Gürtellinie geschlagen, auf den Unterleib, die Schenkel, das Gesäß. Sie hätten gesagt, die Gefangenen seien „Hunde“, sie hätten „kein Recht zu leben“.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Seit drei Wochen gibt es solche Berichte über die Verfolgung homosexueller Männer in Tschetschenien, der russischen Teilrepublik im Nordkaukasus. Einzeln oder in Gruppen haben Polizeikräfte des autoritär herrschenden Republikführers Ramsan Kadyrow etwa hundert Männer im Alter von 16 bis zu 50 Jahren festgenommen, weil sie als Homosexuelle gelten. „Es ist eine regelrechte Verfolgungskampagne gegen Schwule. So etwas hat es bisher noch nie gegeben“, sagte die Moskauer Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Freunde in die Falle locken

          In St. Petersburg versucht eine Nichtregierungsorganisation von Schwulen und Lesben, die Fälle von Willkür und brutaler Gewalt zu dokumentieren. Eine Mitarbeiterin des Netzwerks bestätigte dieser Zeitung, dass mindestens drei der festgenommenen Tschetschenen aufgrund von Folter gestorben seien. Einer von ihnen sei Moderator eines Fernsehsenders gewesen. Er war einer der Ersten, dessen Verschwinden auffiel. Als offizielle Todesursache sei in seinem Fall ein Herzinfarkt angegeben worden. Alle Videos mit seinen Auftritten seien, so berichtete der russische Dienst von Radio Liberty, danach aus der Mediathek des Fernsehsenders entfernt worden. Von dreißig Männern, so heißt es in der Petersburger Organisation, habe man Informationen, dass sie in den vergangenen Wochen in Tschetschenien als Homosexuelle festgenommen, geschlagen und gequält worden seien.

          Gefangen gehalten wurden die Männer in einem Gefängnis in der Stadt Argun, 16 Kilometer östlich der Hauptstadt Grosnyj. In der ehemaligen Militärkommandantur sind auch Drogenabhängige inhaftiert. Nach Zeugenaussagen gab es dort viele zufällig Verhaftete. So sollen Gefangene gezwungen worden sein, ihre Handys eingeschaltet zu lassen, um die Anrufer ermitteln und festnehmen zu können. Sie sollten zudem durch Schläge und Erniedrigungen dazu gebracht werden, ihre Kontakte zu verraten. Viele Homosexuelle in Tschetschenien hätten ihre Profile in sozialen Netzwerken in den vergangenen Wochen gelöscht – aus Angst, ebenfalls abgeholt zu werden.

          Outing, Inhaftierung, Ehrenmord

          Schutz können Homosexuelle in Tschetschenien nicht erwarten, selbst in ihren Familien nicht. Im Gegenteil. Auch die eigenen Verwandten stellen eine unter Umständen tödliche Gefahr dar. Die tschetschenische Gesellschaft ist geprägt von Clanstrukturen, von einem strengen Ehrenkodex und männlichem Dominanzgebaren. Und sie ist hochgradig homophob. Homosexualität ist ein Tabuthema und ein Schwuler eine Schande für die ganze Großfamilie. Deswegen stellen Schwule in Tschetschenien ihre Sexualität niemals zur Schau, würden sie nie öffentlich zugeben; die meisten sind verheiratet. Kam die Homosexualität dennoch zutage, hat es immer wieder „Ehrenmorde“ durch Familienangehörige gegeben, um die Schande zu tilgen.

          Ramzan Kadyrov
          Ramzan Kadyrov : Bild: dapd

          Viele Tschetschenen halten einen solchen Mord für richtig. Die derzeitige Schwulenjagd hat deswegen auch fatale Folgen in den Familien. So sind mutmaßlich Männer nach ihrer Freilassung – oder dem Freikauf gegen Lösegeld – von ihren eigenen Verwandten umgebracht worden. Ein Zeuge berichtete der „Nowaja Gaseta“, dass ein Gefangener besonders oft geschlagen wurde, so dass er offene Wunden hatte. „Dann übergaben sie ihn seinen Verwandten, und später hieß es, er sei schon unter der Erde.“ In einem Fall wurde berichtet, dass ein Gefangener freigelassen wurde, weil die Verwandten versprochen hätten, ihn selbst umzubringen. Den jungen Mann, der 20 oder 21 Jahre alt gewesen sei, habe sein Onkel nach der Freilassung aus dem Gefängnis getötet, sagte ein Zeuge laut einem Bericht von Radio Liberty. „Ehrenmorde“ werden in Tschetschenien von den Justizbehörden nicht verfolgt.

          Genesung durch „Enthaltsamkeit, Gebet und Sport“

          Während der De-facto-Unabhängigkeit Tschetscheniens in den Jahren 1996 bis 1999 galt die Scharia in der selbsternannten „Islamischen Republik Itschkeria“, wie sich Tschetschenien damals nannte. Damals galt für Homosexuelle die Todesstrafe. Heute ist Homosexualität in Russland und damit offiziell auch in Tschetschenien nicht verboten. Doch die ungeschriebenen Gesetze der tschetschenischen Gesellschaft dominieren über das offizielle Recht. Viele Tschetschenen sind der Meinung, dass ein Homosexueller kein Lebensrecht hat. Entsprechend fielen die Reaktionen der Regierung Kadyrows auf die ersten Berichte in der „Nowaja Gaseta“ aus.

          Wenn es solche Leute in Tschetschenien gebe, dann hätten ihre eigenen Verwandten „sie dorthin geschickt, von wo niemand zurückkommt“, sagte Kadyrows Sprecher. Cheda Saratowa, eine Frau aus Kadyrows „Menschenrechtsbeirat“, sagte in einem Interview, Homosexualität sei „sogar schlimmer als Krieg“. Wenn sie eine Eingabe über die Verfolgung eines solchen Menschen erhalten würde, dann würde sie dieser nicht einmal nachgehen. Auf einer Versammlung muslimischer Geistlicher in Grosnyj wurde nach der ersten Veröffentlichung beschlossen, „Vergeltung“ gegen die Journalisten der „Nowaja Gaseta“ zu üben, weil sie die Würde der Tschetschenen beschmutzt hätten. Die liberalste Haltung gegenüber Schwulen in Tschetschenien sei, sagt Swetlana Gannuschkina, dass man sie nicht umbringen müsse, sondern heilen und umerziehen. „Enthaltsamkeit, Gebet und Sport“ seien die Mittel dazu.

          Flucht nach Moskau

          Was den Ausschlag für die Schwulenhatz in Tschetschenien gegeben hat, ist unklar. Berichtet wird unter anderem von der Festnahme eines Drogensüchtigen am 20. Februar, auf dessen Handy eindeutige Fotos und Videos und viele Kontakte entdeckt worden seien. Dadurch sei die Verhaftungswelle in Gang gekommen. Auch wurde vermutet, dass die Anmeldung von Schwulendemonstrationen in vier Städten des Nordkaukasus durch einen Moskauer Aktivisten die Verfolgung befeuert habe. Allerdings lag keiner der Orte in Tschetschenien. Und zu den Demonstrationen kam es nicht, weil sie nicht erlaubt wurden. Die Behörden in Tschetschenien hätten trotzdem „prophylaktische Säuberungen“ angeordnet, berichtete die „Nowaja Gaseta“. Doch hatte es schon vor der Anmeldung der Demonstrationen erste Verhaftungen Homosexueller gegeben. Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina sieht denn auch einen viel profaneren Grund. „Kadyrows System in Tschetschenien ist auf Angst und Gewalt aufgebaut. Diese Leute brauchen immer einen Feind, den sie bekämpfen.“ Nun seien es eben die Schwulen.

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          Viele homosexuelle Tschetschenen haben in den vergangenen Wochen ihre Heimat verlassen. Sie fliehen nach Moskau, St. Petersburg oder in andere russische Städte – in großer Angst vor ihren eigenen Landsleuten. Viele tun es auf eigene Faust, manche mit Hilfe von Unterstützern wie dem Netzwerk in St. Petersburg. Etwa zwanzig betroffene Männer hätten sich binnen einer Woche bei der Organisation gemeldet, vier bis fünf am Tag. In Russland ist die Lage für Schwule bei weitem nicht so bedrohlich wie in Tschetschenien, aber die Situation hat sich auch dort deutlich verschlechtert.

          „Man muss diesen Leuten helfen, Russland zu verlassen“

          Das hat unter anderem damit zu tun, dass die russische Regierung 2013 ein Gesetz gegen „Schwulenpropaganda“ erlassen hat, das zum Beispiel unter Strafe stellt, in Anwesenheit von Minderjährigen positiv über Homosexualität zu reden. In Russland werden Schwule oft Opfer von Raubmorden und Überfällen. Die Polizei ermittelt in vielen Fällen nicht oder mit wenig Nachdruck, weil sie den Homosexuellen selbst die Schuld gibt. Der Kreml hat mit seiner Propaganda gegen das verdorbene westliche „Gayropa“ dazu beigetragen, das negative Image von Schwulen in Russland zu verfestigen. An Exzessen wie in Tschetschenien aber kann der russischen Führung eigentlich nicht gelegen sein. Wladimir Putin wäre der Einzige, der den tschetschenischen Herrscher Kadyrow kontrollieren und die Schwulenverfolgung stoppen könnte. Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow hat angekündigt, dass die Behörden den Berichten nachgehen würden. Doch bisher ist davon nichts bekannt.

          Sicher sind tschetschenische Schwule auch in russischen Städten außerhalb ihrer Heimat nicht. Denn sie brauchen einen legalen Aufenthalt, der gleichzeitig Schutz vor Verfolgung durch ihre Landsleute bieten würde. Das russische Meldesystem sieht aber vor, dass bei einer Anmeldung die Behörden am früheren Wohnort von dem Umzug unterrichtet werden. So können die homosexuellen Tschetschenen von ihren eigenen Leuten leicht gefunden werden. Menschenrechtlerin Gannuschkina fordert deshalb die Regierungen der europäischen Staaten dazu auf, nicht nur ihre Sorge über die Verfolgung der Schwulen in Tschetschenien zu äußern, sondern etwas dafür zu tun, dass sie in Sicherheit kommen. Dafür müssten die EU–Staaten Visa erteilen, damit sie legal ausreisen könnten. „Man muss diesen Leuten helfen, Russland zu verlassen“, sagt Gannuschkina. „Das ist jetzt das Wichtigste.“

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