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Indiens Corona-Hotspot Delhi : „Sie werden schlechter behandelt als Tiere“

Würdigung per Wandbild: Die jüngsten Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen ließen die Infektionszahlen in Indien wieder ansteigen. Bild: AFP

Das Lok-Nayak-Krankenhaus ist die größte Einrichtung für Covid-19-Patienten in Delhi. Die Zustände in der Klinik zeigen: Das indische Gesundheitssystem stößt in der Pandemie an seine Grenzen.

          5 Min.

          In normalen Zeiten sind die Wege und Flure indischer Krankenhäuser voll von Besuchern und Patienten. Doch nun ist dort nur eine Handvoll Menschen zu sehen. In das Krankenhaus Lok Nayak im Norden Delhis kommen nur noch Patienten mit Covid-19 und Verdachtsfälle. Mit 2000 Betten ist es die größte Einrichtung für Corona-Patienten in der indischen Hauptstadt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Etwa hundert Meter vom Eingangstor entfernt wurde in einem fünfstöckigen Backsteingebäude eine Station für Corona-Patienten eingerichtet. Das Gebäude wird von Sicherheitskräften mit Mund-Nasen-Schutz bewacht, die keine Angehörigen und Besucher durchlassen. Die Familien dürfen lediglich etwas Essen und persönliche Gegenstände für die Patienten an der Rezeption abgeben. Meistens dauert es aber Stunden, bis die Lieferungen beim Empfänger ankommen.

          Nach dem zu urteilen, was ehemalige Patienten und Angehörige berichten, ist das Lok Nayak in seinem Inneren derzeit ein Ort der Verzweiflung und des Todes. „Wer auch immer aus diesem Krankenhaus lebend herauskommt, der hat Gott zu danken und nicht der Behandlung“, sagt Devendra Shukla, der fast zwei Wochen mit Covid-19 auf der Station gelegen hat.

          Der 45 Jahre alte Busfahrer wollte ursprünglich gar nicht in ein Krankenhaus gehen. Aber nachdem er positiv getestet worden war, machte sich seine Familie Sorgen, dass er mehr Pflege bräuchte, als sie ihm zu Hause geben konnten. Schon kurz nach der Aufnahme im Krankenhaus habe er die Entscheidung bereut, sagt Shukla. „In den ersten 24 Stunden kümmert sich niemand um dich. Wer in einem ernsten Zustand eingeliefert wird, überlebt diese Zeit nicht.“

          Das Personal ist überfordert

          Der Mann lag in einem Zimmer mit sechs Betten, die alle mit Covid-19-Patienten belegt waren. Krankenschwestern habe er nur selten zu Gesicht bekommen, den Arzt am Tag nur einmal kurz gegen Abend. Von seinem Krankenbett aus beobachtete er, wie überfordert das Pflegepersonal war. „Zwei Frauen in meinem Zimmer starben. Eine von ihnen war vorher an Händen und Beinen festgebunden worden, da sie sehr unruhig war und nicht in ihrem Bett blieb.“

          Nach dem Tod eines Patienten dauerte es Shukla zufolge zehn bis zwölf Stunden, bis der Leichnam aus dem Zimmer entfernt wurde. Mit Fäkalien verdreckte Laken eines Zimmernachbarn, der aufgrund eines Unfalls nicht aufstehen konnte, seien tagelang nicht gewechselt worden.

          Eine Patientin, die sich womöglich mit Covid-19 infiziert hat, wird auf die entsprechende Station des Lok-Nayak-Krankenhauses in Delhi verlegt.

          In dem Krankenhaus zeigt sich, wie das indische Gesundheitssystem in der Pandemie an seine Grenzen stößt. Die Zahl der Infektionen nimmt rapide zu, seit die Regierung mit der schrittweisen Aufhebung der Ausgangssperre begonnen hat. Damit will sie die angeschlagene Wirtschaft wiederbeleben. Doch die Kosten dieser Öffnungspolitik sind hoch. Fast 17.000 Neuinfektionen sind am Donnerstag landesweit dazugekommen – ein neuer Negativrekord.

          Insgesamt liegt die Zahl der Infizierten schon bei mehr als 473.000. Damit ist Indien das Land mit den meisten Corona-Infektionen nach Amerika, Brasilien und Russland. Natürlich sind diese Zahlen in Relation zur Bevölkerung zu sehen: In Indien leben mehr als 1,3 Milliarden Menschen. Doch in den dicht besiedelten Megastädten nimmt die Situation langsam dramatische Ausmaße an.

          Viele Ärzte und Pfleger warten auf ihr Gehalt

          Besonders betroffen ist derzeit Delhi, das sich laut einer Zeitung mittlerweile zur „Corona-Hauptstadt“ entwickelt hat. Mit 70.390 Fällen ist Delhi nun die Stadt mit den meisten Fällen in Indien vor Bombay. Täglich kommen mehr als 3000 Infektionen hinzu. Die Stadtregierung schätzt, dass sich in der Hauptstadt bis Ende Juli 550.000 Menschen infiziert haben werden. Dabei ist ein Problem der Mangel an medizinischem Personal. Ärzte und Pfleger arbeiten nahezu rund um die Uhr und häufig ohne ausreichende Schutzkleidung. Viele sind seit Wochen nicht mehr bezahlt worden. Das Pflegepersonal geht in den Streik, in den Privatkliniken kündigen viele Schwestern.

          „Unsere Ärzte, Schwestern und Mitarbeiter arbeiten unermüdlich an der Pflege der Patienten“, sagte ein Arzt des Lok-Nayak-Krankenhauses der „Hindustan Times“.

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