https://www.faz.net/-gpf-a0rz8

Indiens Corona-Hotspot Delhi : „Sie werden schlechter behandelt als Tiere“

Delhis Regierungschef Arvind Kejriwal gratulierte dem Krankenhauspersonal am Donnerstag dafür, dass es seit nunmehr hundert Tagen und „aller Widrigkeiten zum Trotz“ den Menschen in Delhi in der Krise geholfen habe. „Wir arbeiten außerdem daran, die Pflege der Patienten weiter zu verbessern“, schrieb er auf Twitter. Dabei sind die Probleme in dem Krankenhaus bekannt, seitdem Videoaufnahmen davon an die Öffentlichkeit gelangt sind. Sie zeigten Leichen, die auf den Fluren und auf der Station lagen, ältere Covid-19-Patienten, die vergeblich um Hilfe riefen.

Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Aufnahmen kritisierte das Oberste Gericht die Regionalregierung für die „erbärmlichen“ Zustände in den Krankenhäusern der Hauptstadt. Patienten würden „schlechter behandelt als Tiere“, befanden die Richter.

Immer wieder gibt es auch Berichte darüber, wie Kranke von einem Krankenhaus zum anderen geschickt werden, weil es angeblich keine freien Betten gebe oder sie keinen negativen Corona-Test vorzeigen könnten. Manche Einwohner Delhis ziehen es deshalb mittlerweile sogar vor, trotz Symptomen zu Hause zu bleiben. Zu ihnen gehört auch die 18 Jahre alte Shruti Gupta. „Am Sonntag fühlte ich mich an der Schwelle des Todes. Ich konnte einfach nicht atmen. Ich schrie, jemand solle mir meine Atmung wiedergeben“, berichtet Gupta. Trotzdem entschied sie sich dagegen, mit ihren Beschwerden ins Krankenhaus zu gehen. „Sie hätten nichts gemacht. Wahrscheinlich hätten sie mich nicht einmal untersucht.“ Zu Hause habe sich wenigstens ihre Mutter um sie kümmern können, sagt die junge Frau.

Bis kommende Woche sollen 20.000 neue Betten für Corona-Patienten zur Verfügung stehen.
Bis kommende Woche sollen 20.000 neue Betten für Corona-Patienten zur Verfügung stehen. : Bild: AP

Angesichts der zunehmend angespannten Situation in der Hauptstadt rät die Deutsche Botschaft in Delhi den deutschen Staatsbürgern jetzt sogar dazu, eine vorübergehende Rückkehr nach Deutschland oder in ein anderes Land „mit gesicherter medizinischer Versorgung“ zu prüfen.

Dabei bemüht sich die Zentral- und Landesregierung durchaus, die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Die Testrate wurde deutlich erhöht. Außerdem arbeitet die Stadt am Ausbau der Kapazitäten. Bis kommende Woche sollen 20.000 neue Betten für Corona-Patienten zur Verfügung stehen, darunter 10.000 auf dem Gelände einer religiösen Vereinigung und mehrere tausend Betten in Hotels, Schulen und Stadien. Aus Hunderten Eisenbahnwaggons werden provisorische Behandlungsräume gemacht.

Das Krematorium ist am Limit

Delhis Behörden haben außerdem angekündigt, in den kommenden Wochen von Tür zu Tür zu gehen und gezielt Menschen mit Symptomen auf das Coronavirus zu testen. Für manche kommen solche Initiativen zu spät. Die Leichen aus dem Lok-Nayak-Krankenhaus werden in das ein paar Kilometer entfernte Krematorium Nigam Bodh Ghat gebracht. Sie sind aufgrund der Ansteckungsgefahr von oben bis unten eingeschnürt, nur ein Familienmitglied darf sie sich vorher zur Identifizierung anschauen.

Auch das Krematorium kämpft damit, das erhöhte Aufkommen zu bewältigen. So werden die Leichen nicht mehr in Gasöfen verbrannt, sondern auf den traditionellen Holzscheiterhaufen.

Unter dem erhöhten Blechdach des Krematoriums steht eine Gruppe mit Familienmitgliedern eines verstorbenen Corona-Patienten. Vor ihnen lodern Flammen, Rauch steigt auf. Ein lautes Wimmern zieht herüber. Die Familienmitglieder des Verstorbenen sind immer noch fassungslos über die Ereignisse der vergangenen Tage.

Der 50 Jahre alte Satya Narayan Sharma berichtet, es sei die Leiche seines Bruders, die auf dem Haufen brenne. Er habe noch versucht, ihn aus dem Krankenhaus zu holen, nachdem er dort als Corona-Verdachtsfall eingeliefert worden war. „Jeder Patient, der dort in das Krankenhaus hineinkommt, verlässt es als Leiche“, sagt der Bruder. Besonders schmerzt es ihn, dass er nur zufällig vom Tod seines Bruders erfahren habe. Er habe sich nach dessen Gesundheitszustand erkundigen wollen. Da sagte ihm ein Wachmann, dass er schon gestorben sei. 

Mitarbeit: Raghavendra Verma, Delhi

Weitere Themen

Tichanowskaja macht Druck auf die EU Video-Seite öffnen

Sanktionen gegen Lukaschenko : Tichanowskaja macht Druck auf die EU

Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja hat die EU aufgefordert, Sanktionen gegen Präsident Alexander Lukaschenko zu verhängen. Zudem bat sie die EU, Lukaschenko offiziell nicht mehr als Präsidenten von Belarus anzuerkennen.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.