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Kinderhandel in Italien : Eine fast unheimliche Parallele zu Hänsel und Gretel

Am Dienstag sprach Salvini in Bibbiano mit Betroffenen und versicherte, die „verliehenen“ Kinder würden allesamt zu ihren biologischen Eltern zurückkehren. Bild: Picture-Alliance

Im norditalienischen Bibbiano wurde jahrelang mit Kindern gehandelt. Verdächtigt werden zahlreiche Mediziner und Sozialarbeiter, sogar der Bürgermeister soll beteiligt gewesen sein. Nun wird die Sache zum Politikum.

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          Bibbiano ist ein Städtchen von rund zehntausend Einwohnern in Norditalien. Ende Juni wurde dort Anklage erhoben gegen 27 Verdächtige, darunter Psychologen und Psychotherapeuten, Ärzte und Sozialarbeiter. Auch der Bürgermeister steht unter Hausarrest. Den Angeklagten werden Kindesmisshandlung und Körperverletzung, Betrug und Amtsmissbrauch, Fälschung von Dokumenten und Diagnosen sowie allerlei weitere Delikte vorgeworfen.

          Matthias Rüb
          (rüb.), Politik

          Im Zentrum der Ermittlungen steht ein privates Psychotherapiezentrum für Kinder und Jugendliche, das von der gemeinnützigen Stiftung „Hansel e Gretel“ aus Turin betrieben wird. Den Namen für ihre Stiftung haben deren Gründer mit Bedacht gewählt. Im Märchen der Brüder Grimm sind die Eltern von Hänsel und Gretel bekanntlich so arm, dass sie ihre Kinder im Wald aussetzen.

          Auch die Turiner Stiftung, geführt von dem bekannten Jugendpsychologen Claudio Foti, nahm sich in Bibbiano armer Kinder und Jugendlicher an. Und in einer fast unheimlichen Parallele zum Märchen sorgten der Hauptangeklagte Foti und seine Helfer dafür, dass auch die Kinder von Bibbiano ihre bitterarmen Elternhäuser verlassen mussten.

          Gehirnwäsche mit elektrischen Impulsen

          Polizei und Staatsanwaltschaft nahmen vor einem Jahr Ermittlungen auf. Auslöser war, dass in Bibbiano und Umgebung überdurchschnittlich viele Fälle von Kindesmissbrauch gemeldet worden waren. Und zwar fast immer vom Psychotherapiezentrum „Hänsel und Gretel“. Die Strafverfolger gehen inzwischen davon aus, dass die Missbrauchsfälle fast alle erfunden waren. Und zwar von einer kriminellen Clique, zu der die Betreiber und Mitarbeiter von „Hänsel und Gretel“ gehörten, aber auch Leute im Rathaus bis hinauf zum Bürgermeister. Wie viele Kinder Opfer der Machenschaften wurden, teilte die Staatsanwaltschaft nicht mit. Nach Medienberichten sollen es knapp drei Dutzend sein. Viele von ihnen haben nach Mitteilung der Ermittler heute Drogenprobleme, fügen sich selbst Verletzungen zu, sind abermals in psychotherapeutischer Behandlung.

          Die betroffenen Kinder und Jugendlichen stammten aus Familien in prekären Verhältnissen: Arbeitslose, Alleinerziehende, Migranten, kinderreiche Familien mit geringem Einkommen. Die Therapeuten redeten ihnen ein, sie seien daheim misshandelt oder missbraucht worden. Da dies den wirklichen Erfahrungen der Kinder widersprach, wurde deren Gedächtnis „aufgefrischt“. Dazu gab es eine „kleine Erinnerungsmaschine“, die unter Verwendung von elektrischen Impulsen die verschütteten Erinnerungen, die es in Wirklichkeit gar nicht gab, zutage fördern sollte. Zeichnungen, die von den Kindern auf Geheiß angefertigt worden waren, wurden von den Therapeuten so „ergänzt“, dass man daraus sexuelle Übergriffe sollte herauslesen können. Oder die Bilder wurden gleich selbst von den Therapeuten im Stile kindlicher Krakelei angefertigt.

          Mit Rollenspielen, bei welchen die Therapeuten furchterregende Masken trugen, wurde den Kindern suggeriert, so seien ihre grausamen Eltern. In der Anklageschrift ist von systematischer Gehirnwäsche und von exorzistischen Praktiken die Rede. Mit dem „Erfolg“, dass das Jugendamt den leiblichen Eltern das Sorgerecht entzog und die Verbringung der Kinder bei Pflegeeltern anordnete.

          Kinder wurden bei Pflegeeltern teilweise sexuell missbraucht

          Die Pflegeeltern bezahlten das Therapiezentrum für die Überstellung der Pflegekinder, anschließend kassierten sie von der Stadt Bibbiano teils überhöhte Tagessätze für deren Versorgung. Unter den Pflegeeltern befanden sich die Betreiber eines Sexshops, psychisch Kranke sowie Elternpaare, deren eigene Kinder sich umgebracht hatten. In mindestens zwei Fällen kam es nach Überzeugung der Ermittler bei den Pflegeeltern dann tatsächlich zum sexuellen Missbrauch.

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