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Trauerfeier oder Festakt? : Das große Rätsel für die Briten zum Brexit-Stichtag

Wenn „Big Ben“ schlagen soll, würde das wegen Umbauarbeiten eine halbe Million Pfund kosten. Bild: AFP

Am 31. Januar tritt Großbritannien aus der Europäischen Union aus. Noch streitet das Land darüber, ob dieser Tag Anlass für ein Fest oder einen Trauerakt ist – und ob „Big Ben“ läuten soll.

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          Wie würdigt man den Augenblick, an dem das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union austritt? Es überrascht nicht allzu sehr, dass die Meinungen der Briten darüber auseinandergehen. Auch nach dem Wahltriumph der Konservativen, der den Brexit am 31. Januar zu einem Faktum gemacht hat, bleibt die Nation in der Europafrage gespalten. Während die einen mit einem Feuerwerk vor dem Westminster Palace feiern wollen, rufen andere für 22.59 Uhr zu einer Schweigeminute auf.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          In den Mittelpunkt der Debatte ist die Frage gerückt, ob „Big Ben“ schlagen soll. Es wäre nicht das erste Mal, dass Großbritanniens erste Glocke einen nationalen Moment intoniert. Sie erklingt traditionell zur Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkriegs, was selbst in Brexit-Kreisen auf einer anderen Bedeutungsebene verortet wird als das Ende von 47 Jahren EU-Mitgliedschaft. Aber „Big Ben“ war immer auch Trauerglocke. Mehrere Monarchen wurden mit der berühmten Tonfolge aus dem Westminster-Turm zu Grabe getragen, zuletzt George VI., der Vater der amtierenden Königin. Mit etwas gutem Willen könnte eigentlich jeder etwas im Glockenschlag entdecken: die Brexiteers Freude und Feierlichkeit, die Remainers Trauer und Trost.

          Doch guter Wille ist auch dreieinhalb Jahre nach dem EU-Referendum rar, und dann wird die Sache noch erschwert durch die Renovierung des Elisabeth-Turms, des Heims der Glocke im Westminster Palace. Um „Big Ben“ schlagen zu lassen, müsste ein provisorischer Zwischenboden eingezogen werden. Weitere Baumaßnahmen würden die Kosten auf eine halbe Million Pfund summieren, rechnete die zuständige Baukommission des Parlaments vor. Nigel Farage und seine Leute von der Brexit Party, aber auch konservative Austrittsenthusiasten zweifeln an diesen Angaben und wittern eine Verschwörung. Farage, der am Abend des 31. Januar ein Volksfest vor dem Parlament organisiert hat, sieht nicht nur die Remainers im Unterhaus auf Rachekurs, sondern auch die von der Labour Party regierte Stadt. Sowohl die Parkbehörde als auch die Hafenaufsicht versagten ihm in den vergangenen Wochen die Genehmigung eines Feuerwerks.

          Und der Premierminister? Der hatte sich eingeschaltet, als die Lage noch entspannt war, und so fröhlich wie unvorsichtig alliteriert: „Bang a Bob for a Big Ben Bang!“ – zu Deutsch: Gebt ’nen Groschen für ’nen Glockenschlag. Schon nach wenigen Tagen waren die ersten 150.000 Pfund beisammen, aber die Initiative blieb in der Parlamentskommission stecken. Dort sprach man von „beispiellosen“ Verwaltungsproblemen, weil die Annahme privater Spenden für öffentliche Baumaßnahmen nicht geregelt sei.

          Damit saß Boris Johnson in der Falle. Er hätte seinen launigen Aufruf in ernsthaftes Engagement überführen können, aber dann wäre der Vorwurf des „Brexit-Triumphalismus“ lautgeworden – und das, obwohl der Premierminister doch die „Wunden der Nation heilen“ will. Klüger erschien ihm der Rückzug. Am Freitag kündigte er ein eher nüchternes Programm für den 31. Januar an: morgens eine Sondersitzung des Kabinetts im Norden Englands, abends eine Ansprache an die Nation – von Glockenschlägen keine Rede; nur eine Lichtuhr soll auf die Fassade seines Amtssitzes projiziert werden.

          Da hat Farage, der andere Vater des Brexit, mehr zu bieten. Auf einer Bühne vor dem Parlament will er Politiker, Comedians und natürlich sich selbst auftreten lassen. Sollte Johnson seine Einladung ablehnen und nicht als Redner erscheinen, werden Sprechchöre „Wo ist Boris?“ rufen. Auch für den nun wahrscheinlichen Fall, dass Big Ben um 23 Uhr schweigt, hat Farage vorgesorgt: Er will den Glockenschlag von einem Tonband über Lautsprecher abspielen.

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