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Blick hinter die Kulissen : Wie verhandelt man über Krieg und Frieden?

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„Erhaltet den Frieden“ – die Botschaft des Straßenkünstlers Solo7 ist trotz der Friedensbemühungen der letzten Jahre in Kenia noch immer aktuell. Bild: EPA

Frieden heißt erst einmal: kein Krieg. Aber wie schafft man es, diesen zu beenden? Viel findet hinter verschlossenen Türen statt – der Friedensvermittler Andrew Ladley erlaubt einen Blick dahinter.

          7 Min.

          Ein Konferenztisch, umgeben von Stühlen. Die Plätze sind verwaist, alle sind beim Teetrinken. Kleine Rituale sind gut, um das Eis zu brechen: Immerhin sollen gleich Menschen miteinander sprechen, die sich eigentlich bekriegen.

          Ein freundlich wirkender, unauffälliger Herr mit rahmenloser Brille geht herum, lächelt, stellt sich allen vor. Seinem Englisch ist der neuseeländische Einschlag anzuhören. Es ist nicht leicht in dieser Runde, Vertrauen aufzubauen. Andrew Ladley wählt dazu lieber die Pause, mit jedem wechselt er ein paar lockere Worte. Der Eindruck, den er persönlich hinterlässt, ist wichtig, von ihm hängt viel ab. In den nächsten Monaten wird er derjenige sein, der zwischen den Fronten der Konfliktparteien stehen wird.

          Ein Beruf, der Demut lehrt

          Ladleys Beruf ist keiner, über den man später lachend beim Abendessen reden kann. Das Thema ist zu heikel. Wirklich geheim ist seine Arbeit zwar nicht – aber vieles ist so sensibel, dass Indiskretion einen Erfolg seiner Bemühungen gefährden könnte. Denn Ladley arbeitet als Vermittler in Friedensverhandlungen. Ein Beruf, der ihn immer wieder Demut lehrt. Seit fast zehn Jahren versucht er Wege zu finden, wie bewaffnete Konflikte beendet werden können.

          Andrew Ladley ist seit 2011 für das HD Centre in Genf im Auftrag des Friedens in Afrika, Asien und dem Nahen Osten unterwegs.

          Für das renommierten Centre for Humanitarian Dialogue am Genfer See ist Ladley seit sechs Jahren in Afrika, dem Nahen Osten und Asien unterwegs. Im Auftrag des Friedens vermittelte er schon 2008 und 2011 in Kenia, Zypern, den Philippinen, Kosovo, Jemen und Papua Neuguinea. Das HD Centre ist derzeit in 25 Ländern weltweit an über 40 Dialogen und Friedensvermittlungen beteiligt.

          Frieden – eine Sisyphosarbeit?

          Syrien, Jemen, die Philippinen - dies sind nur einige der bekannteren Beispiele von Ländern, in denen Krieg herrscht. Für das Jahr 2016 verzeichnete das Heidelberger Institut für Konfliktforschung in einem Report weltweit 225 gewaltsame Konflikte und 19 Kriege. Viele Konflikte ziehen sich über Jahre hinweg wie der Bürgerkrieg in Syrien, manche bestehen sogar seit Jahrzehnten und eskalieren immer wieder aufs Neue wie im Sudan.

          Obwohl die Internationale Gemeinschaft versucht, durch Diplomatie, Dialog oder wirtschaftliche Sanktionen Konflikte bereits in einem frühen Stadium zu verhindern, zeigt dies oft genug nicht die gewünschte Wirkung. Ziel von Friedensverhandlungen ist es, den militärischen Konflikt in einen politischen umzuwandeln.

          In Syrien ist man davon momentan weit entfernt. Zu viele Akteure und Interessen sind beteiligt, als dass es eine baldige Lösung geben könnte. Die Regierung unter Bashar al-Assad scheint nicht an einem politischen Umschwung interessiert zu sein. Würde sie einlenken und den Forderungen nachgeben, würde sie sich selbst damit wohl formal absetzen. Im Juli endeten in Genf die syrischen Friedensverhandlungen wieder ohne nennenswerte Ergebnisse. Der einzige Erfolg: Niemand hat den Raum verlassen.

          Was eigentlich nicht nach einem Erfolg klingt, ist viel wert bei Friedensverhandlungen: Solange alle im Raum bleiben, wird weiterhin geredet. Die Konfliktparteien müssen zu Gesprächen bereit sein, damit Frieden ermöglicht werden kann. Reden ist die Quintessenz.

          Die Kunst des Redens

          Gespräche sind der nachhaltigste und billigste Weg, um einen Konflikt zu beenden. Kämpfen sollen die Konfliktparteien lieber verbal: Schimpfen ist immer noch besser als schießen.

          „Frieden ist zunächst Koexistenz. Die Menschen können sich weiter gegenseitig hassen – aber sie müssen aufhören, sich zu töten“, fasst der Fachmann Achim Wennmann das Ziel der Gespräche zusammen. Als Forscher am Genfer Zentrum für Konfliktforschung, Entwicklung und Peacebuilding kennt er die Herausforderungen, die den Alltag des Friedensvermittlers Ladley ausmachen.

          Am Anfang wird das Terrain getestet, unverbindlich werden gemeinsame Interessen ermittelt. „Es kann ein fataler Fehler, zu früh auf Zustimmung aus zu sein“, sagt Ladley. Ein Satz, den der Vermittler häufig hört: „Okay, wir reden. Solange wir nicht zustimmen müssen, sind wir bereit zu reden.“

          Die Kunst ist es, die Gespräche am Laufen zu halten. Wird ein allzu kritischer Punkt erreicht, ist es immer noch besser, auf die informelle Ebene zurückzugehen, als die Gespräche abbrechen zu lassen. Als Vermittler muss Ladley wissen, wann er sich zurücknehmen und wann er sich in die Gespräche mit einbringen sollte. Er muss zwischen den Zeilen lesen, herausfinden, was wichtige Themen sind und wie sich Einigungen erzielen lassen könnten. Dazu muss ein Vermittler einfühlsam sein und die zentralen Punkte so formulieren könne, dass alle Parteien sich damit wohl fühlen. Sonst wird es zu keinem Konsens kommen. Er muss mögliche Hindernisse am Besten früh genug identifizieren, um darauf eingehen zu können. 

          Veränderte Konflikte erschweren Friedensverhandlungen

          Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich Kriege stark gewandelt, zumeist werden sie nicht mehr zwischen Staaten ausgetragen. Stattdessen ist eine Vielzahl an unterschiedlichen Akteuren beteiligt.

          In Syrien sind dies zunächst die Regierung von Bashar al-Assad und die bewaffnete Opposition, die wiederum aus einer Vielzahl von Splittergruppen besteht, die keineswegs die gleichen Interessen verfolgen. Dann wären da noch Vertreter der Zivilbevölkerung, die in dem Konflikt am meisten leidet und dringend humanitäre Hilfe benötigt. Außerdem Russland, die Vereinigten Staaten, Iran, die Türkei. Die Kurden. Alle bringen ihre eigenen Interessen und Motive mit in den Konflikt. Manche Gebiete werden von russischen Privatfirmen gehalten, denen Profite aus Öl- und Gasressourcen zugesichert wurden, wie die „New York Times“ berichtete.

          Die Liste ist lang, sie umfasst wahrscheinlich einige hundert Akteure. Und nicht zuletzt ist da der Islamische Staat, mit dem eigentlich keiner reden will. Selbst wenn man es schafft, den Überblick über die Konfliktparteien zu behalten – wie schafft man es, diese an einen Tisch zu bringen? Wie bringt man sie dazu, tatsächlich über ein Ende des Konflikts zu reden, Kompromisse zu schließen? Und wer ist eigentlich „man“?

          Syrische Flüchtlingskinder demonstrieren vor der deutschen Botschaft in Athen am 19. Juli: „Wir möchten nur Frieden.“

          Die Vereinten Nationen: vor allem symbolisches Gewicht?

          In der öffentlichen Wahrnehmung sind mit „man“ oft die Vereinten Nationen gemeint. In ihrem Rahmen finden öffentlichkeitswirksam die großen Verhandlungen statt, häufig in Genf. Die Stadt in der neutralen Schweiz steht für Konfliktlösung und Prävention und gilt als das Nonplusultra der Diplomatie. Die unterschiedlichen Institutionen dort erhalten ein Netzwerk aufrecht, durch das laut Wennmann mit jeder bewaffneten Konfliktpartei der Welt kommuniziert werden kann.

          Der Einfluss der Vereinten Nationen auf Friedensprozesse wird aber teils überschätzt. Friedensverhandlungen können nur auf freiwilliger Basis geführt werden, auch die Vermittler müssen zuerst von den Beteiligten akzeptiert werden. Zwar können die Vereinten Nationen durch ihre Stellung Druck auf die Kriegsparteien ausüben, Wunder bewirken können sie nicht. Für Friedensverhandlungen wie die in Genf spricht vor allem der formale Rahmen, den sie getroffenen Vereinbarungen geben. Ein Erfolg hat aber in erster Linie symbolisches Gewicht.

          Nicht weniger wichtig als die offiziellen Vermittler sind  Vertreter der Gesellschaft, die friedliche Lösungen verlangen. Das können Stimmen aus der Bevölkerung sein, Prominente, die ein Ende der Kampfhandlungen fordern. Religiöse Einrichtungen, Sportler, Frauenverbände, Hilfsorganisationen, Medien.

          Viele Friedensprozesse finden im Kleinen statt, in den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft. Zwar ruht das Scheinwerferlicht zumeist auf den großen Verhandlungen der Vereinten Nationen – aber all die kleinen, ständig stattfindenden Lösungsprozesse im Konfliktland dürfen weder unterschätzt, noch vergessen werden.

          Der Verhandlungstisch – ein Mythos?  

          Der Tisch, an dem all die unterschiedlichen Akteure zusammenkommen könnten, müsste ein sehr großer sein. Tatsächlich existiert er häufig gar nicht. Auch wenn die Vorstellung von dem - am besten runden - Tisch, an dem mehr oder minder gesittet über Frieden debattiert wird eine schöne ist – mit der Realität hat sie wenig zu tun.

          Während eines Treffens von Vertretern der syrischen Opposition mit dem Gesandten der Vereinten Nationen im Mai in Genf. Sie sind nur eine der vielen Kriegsparteien.

          „Es gibt zwar Momente, in denen die offiziellen Verhandlungsparteien an einem Tisch sitzen, dort passieren aber zumeist nicht die eigentlichen Verhandlungen“, erklärt Sachkenner Wennmann.  

          Zwischen den Fronten

          Häufig liegt der Schlüssel zu erfolgreichen Verhandlungen in der Arbeit zwischen den Gesprächsrunden. Wie sieht der typische Tag eines Friedensvermittlers aus? „Vorbereiten“, sagt Andrew Ladley. „Manchmal muss man den symbolischen Tisch erst aufbauen oder die Parteien überzeugen, ihn in Erwägung zu ziehen. Man muss sehen, ob die Parteien überhaupt in einem Raum sein können.“ Obwohl er bei seiner Arbeit nur selten mit den unterschiedlichen Konfliktparteien wirklich an einem Tisch sitzt, hält sich die Metapher auch bei ihm hartnäckig.

          Ladley hört bei seiner Arbeit viel zu. Baut Vertrauen auf. Das geht nur langsam, schrittweise. Je einfacher die Einstiegsthemen, desto besser. Er erzählt von Verhandlungen im Rift Valley in Kenia: Über 18 Monate hinweg wurde diskutiert, ein-, zweimal im Monat saßen die Konfliktparteien zusammen. Nach einem komplizierten Anfang konnten im kenianischen Fall die Konfliktparteien tatsächlich an einem Tisch zusammenkommen.

          Dazu ist viel Vertrauen nötig. Die Geduld muss über den Frust siegen, den die zähen Verhandlungen mit sich bringen. Ladley muss sich gut auskennen in den Gepflogenheiten, die in der jeweiligen Region vorherrschen, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Er muss den Konfliktparteien das Gefühl vermitteln können, tatsächlich gehört und auch verstanden zu werden. Egal, um wen es sich dabei handelt.

          Der Terrorismus: eine unbekannte Variable der Verhandlungen

          Die Frage ist aber nicht nur, ob geredet wird. Auch wer an den Gesprächen beteiligt wird, ist ausschlaggebend für die Lösung von Konflikten. Der Terrorismus hat Friedensverhandlungen noch weiter verkompliziert. Mit Diktatoren, die die eigene Bevölkerung bekämpfen, wird zwar verhandelt. Mit Terroristen zu verhandeln, ist jedoch keine Option.

          Zugeständnisse an Terroristen wie den IS zu machen ist undenkbar. Zugleich befeuern terroristische Gruppierungen Konflikte enorm und fordern hohe Opferzahlen. Damit zum Beispiel Hilfsorganisationen zu der Zivilbevölkerung in Gebieten des IS vordringen können, müsse es auch Möglichkeiten geben, mit diesem zu sprechen, betont der Fachmann Achim Wennmann. Das sei eine besonders schwierige Aufgabe von Friedensverhandlungen: „Wenn man einen Konflikt lösen möchte, heißt das auch, dass es eine Möglichkeit geben muss, mit allen Beteiligten zu sprechen und diese in den Friedensprozess mit einzubinden.“

          „Oft bricht es einem das Herz“

          Sowohl der Friedensvermittler Andrew Ladley, als auch der Forscher Achim Wennmann sind sich der Tragweite ihrer Verantwortung bewusst. Beide brauchen einen langen Atem in ihrem Beruf und viel Geduld. Oft ist die Suche nach Wegen um die Mauern herum, die die Beteiligten in einem Konflikt um ihre eignen Interessen ziehen, frustrierend. Nie ist sie einfach oder schnell.

          So wie in Syrien. Der Bürgerkrieg währt jetzt schon seit sechs Jahren. Wie schafft man es, immer weiter zu verhandeln, selbst wenn nichts sich zu bewegen scheint? „Man muss sich distanzieren“, sagt Andrew Ladley. „Oft bricht es einem das Herz, nur zusehen zu können. Am Ende muss ich mich daran erinnern: ich  bin nicht selbst an dem Konflikt beteiligt. Ich versuche, zu helfen.“

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