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Blick hinter die Kulissen : Wie verhandelt man über Krieg und Frieden?

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Viele Friedensprozesse finden im Kleinen statt, in den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft. Zwar ruht das Scheinwerferlicht zumeist auf den großen Verhandlungen der Vereinten Nationen – aber all die kleinen, ständig stattfindenden Lösungsprozesse im Konfliktland dürfen weder unterschätzt, noch vergessen werden.

Der Verhandlungstisch – ein Mythos?  

Der Tisch, an dem all die unterschiedlichen Akteure zusammenkommen könnten, müsste ein sehr großer sein. Tatsächlich existiert er häufig gar nicht. Auch wenn die Vorstellung von dem - am besten runden - Tisch, an dem mehr oder minder gesittet über Frieden debattiert wird eine schöne ist – mit der Realität hat sie wenig zu tun.

Während eines Treffens von Vertretern der syrischen Opposition mit dem Gesandten der Vereinten Nationen im Mai in Genf. Sie sind nur eine der vielen Kriegsparteien.

„Es gibt zwar Momente, in denen die offiziellen Verhandlungsparteien an einem Tisch sitzen, dort passieren aber zumeist nicht die eigentlichen Verhandlungen“, erklärt Sachkenner Wennmann.  

Zwischen den Fronten

Häufig liegt der Schlüssel zu erfolgreichen Verhandlungen in der Arbeit zwischen den Gesprächsrunden. Wie sieht der typische Tag eines Friedensvermittlers aus? „Vorbereiten“, sagt Andrew Ladley. „Manchmal muss man den symbolischen Tisch erst aufbauen oder die Parteien überzeugen, ihn in Erwägung zu ziehen. Man muss sehen, ob die Parteien überhaupt in einem Raum sein können.“ Obwohl er bei seiner Arbeit nur selten mit den unterschiedlichen Konfliktparteien wirklich an einem Tisch sitzt, hält sich die Metapher auch bei ihm hartnäckig.

Ladley hört bei seiner Arbeit viel zu. Baut Vertrauen auf. Das geht nur langsam, schrittweise. Je einfacher die Einstiegsthemen, desto besser. Er erzählt von Verhandlungen im Rift Valley in Kenia: Über 18 Monate hinweg wurde diskutiert, ein-, zweimal im Monat saßen die Konfliktparteien zusammen. Nach einem komplizierten Anfang konnten im kenianischen Fall die Konfliktparteien tatsächlich an einem Tisch zusammenkommen.

Dazu ist viel Vertrauen nötig. Die Geduld muss über den Frust siegen, den die zähen Verhandlungen mit sich bringen. Ladley muss sich gut auskennen in den Gepflogenheiten, die in der jeweiligen Region vorherrschen, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Er muss den Konfliktparteien das Gefühl vermitteln können, tatsächlich gehört und auch verstanden zu werden. Egal, um wen es sich dabei handelt.

Der Terrorismus: eine unbekannte Variable der Verhandlungen

Die Frage ist aber nicht nur, ob geredet wird. Auch wer an den Gesprächen beteiligt wird, ist ausschlaggebend für die Lösung von Konflikten. Der Terrorismus hat Friedensverhandlungen noch weiter verkompliziert. Mit Diktatoren, die die eigene Bevölkerung bekämpfen, wird zwar verhandelt. Mit Terroristen zu verhandeln, ist jedoch keine Option.

Zugeständnisse an Terroristen wie den IS zu machen ist undenkbar. Zugleich befeuern terroristische Gruppierungen Konflikte enorm und fordern hohe Opferzahlen. Damit zum Beispiel Hilfsorganisationen zu der Zivilbevölkerung in Gebieten des IS vordringen können, müsse es auch Möglichkeiten geben, mit diesem zu sprechen, betont der Fachmann Achim Wennmann. Das sei eine besonders schwierige Aufgabe von Friedensverhandlungen: „Wenn man einen Konflikt lösen möchte, heißt das auch, dass es eine Möglichkeit geben muss, mit allen Beteiligten zu sprechen und diese in den Friedensprozess mit einzubinden.“

„Oft bricht es einem das Herz“

Sowohl der Friedensvermittler Andrew Ladley, als auch der Forscher Achim Wennmann sind sich der Tragweite ihrer Verantwortung bewusst. Beide brauchen einen langen Atem in ihrem Beruf und viel Geduld. Oft ist die Suche nach Wegen um die Mauern herum, die die Beteiligten in einem Konflikt um ihre eignen Interessen ziehen, frustrierend. Nie ist sie einfach oder schnell.

So wie in Syrien. Der Bürgerkrieg währt jetzt schon seit sechs Jahren. Wie schafft man es, immer weiter zu verhandeln, selbst wenn nichts sich zu bewegen scheint? „Man muss sich distanzieren“, sagt Andrew Ladley. „Oft bricht es einem das Herz, nur zusehen zu können. Am Ende muss ich mich daran erinnern: ich  bin nicht selbst an dem Konflikt beteiligt. Ich versuche, zu helfen.“

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