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Blick hinter die Kulissen : Wie verhandelt man über Krieg und Frieden?

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Am Anfang wird das Terrain getestet, unverbindlich werden gemeinsame Interessen ermittelt. „Es kann ein fataler Fehler, zu früh auf Zustimmung aus zu sein“, sagt Ladley. Ein Satz, den der Vermittler häufig hört: „Okay, wir reden. Solange wir nicht zustimmen müssen, sind wir bereit zu reden.“

Die Kunst ist es, die Gespräche am Laufen zu halten. Wird ein allzu kritischer Punkt erreicht, ist es immer noch besser, auf die informelle Ebene zurückzugehen, als die Gespräche abbrechen zu lassen. Als Vermittler muss Ladley wissen, wann er sich zurücknehmen und wann er sich in die Gespräche mit einbringen sollte. Er muss zwischen den Zeilen lesen, herausfinden, was wichtige Themen sind und wie sich Einigungen erzielen lassen könnten. Dazu muss ein Vermittler einfühlsam sein und die zentralen Punkte so formulieren könne, dass alle Parteien sich damit wohl fühlen. Sonst wird es zu keinem Konsens kommen. Er muss mögliche Hindernisse am Besten früh genug identifizieren, um darauf eingehen zu können. 

Veränderte Konflikte erschweren Friedensverhandlungen

Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich Kriege stark gewandelt, zumeist werden sie nicht mehr zwischen Staaten ausgetragen. Stattdessen ist eine Vielzahl an unterschiedlichen Akteuren beteiligt.

In Syrien sind dies zunächst die Regierung von Bashar al-Assad und die bewaffnete Opposition, die wiederum aus einer Vielzahl von Splittergruppen besteht, die keineswegs die gleichen Interessen verfolgen. Dann wären da noch Vertreter der Zivilbevölkerung, die in dem Konflikt am meisten leidet und dringend humanitäre Hilfe benötigt. Außerdem Russland, die Vereinigten Staaten, Iran, die Türkei. Die Kurden. Alle bringen ihre eigenen Interessen und Motive mit in den Konflikt. Manche Gebiete werden von russischen Privatfirmen gehalten, denen Profite aus Öl- und Gasressourcen zugesichert wurden, wie die „New York Times“ berichtete.

Die Liste ist lang, sie umfasst wahrscheinlich einige hundert Akteure. Und nicht zuletzt ist da der Islamische Staat, mit dem eigentlich keiner reden will. Selbst wenn man es schafft, den Überblick über die Konfliktparteien zu behalten – wie schafft man es, diese an einen Tisch zu bringen? Wie bringt man sie dazu, tatsächlich über ein Ende des Konflikts zu reden, Kompromisse zu schließen? Und wer ist eigentlich „man“?

Syrische Flüchtlingskinder demonstrieren vor der deutschen Botschaft in Athen am 19. Juli: „Wir möchten nur Frieden.“

Die Vereinten Nationen: vor allem symbolisches Gewicht?

In der öffentlichen Wahrnehmung sind mit „man“ oft die Vereinten Nationen gemeint. In ihrem Rahmen finden öffentlichkeitswirksam die großen Verhandlungen statt, häufig in Genf. Die Stadt in der neutralen Schweiz steht für Konfliktlösung und Prävention und gilt als das Nonplusultra der Diplomatie. Die unterschiedlichen Institutionen dort erhalten ein Netzwerk aufrecht, durch das laut Wennmann mit jeder bewaffneten Konfliktpartei der Welt kommuniziert werden kann.

Der Einfluss der Vereinten Nationen auf Friedensprozesse wird aber teils überschätzt. Friedensverhandlungen können nur auf freiwilliger Basis geführt werden, auch die Vermittler müssen zuerst von den Beteiligten akzeptiert werden. Zwar können die Vereinten Nationen durch ihre Stellung Druck auf die Kriegsparteien ausüben, Wunder bewirken können sie nicht. Für Friedensverhandlungen wie die in Genf spricht vor allem der formale Rahmen, den sie getroffenen Vereinbarungen geben. Ein Erfolg hat aber in erster Linie symbolisches Gewicht.

Nicht weniger wichtig als die offiziellen Vermittler sind  Vertreter der Gesellschaft, die friedliche Lösungen verlangen. Das können Stimmen aus der Bevölkerung sein, Prominente, die ein Ende der Kampfhandlungen fordern. Religiöse Einrichtungen, Sportler, Frauenverbände, Hilfsorganisationen, Medien.

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