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Mit Johnson & Johnson : Wie Frankreich das Impftempo beschleunigen will

1998 wurde Frankreich im Stade de France in Saint-Denis Fußball-Weltmeister. Nun soll mit Impfen im Stadion die nationale Gesundheit gerettet werden. Bild: dpa

Dank einer vorgezogenen Lieferung des Corona-Impfstoffs von Johnson & Johnson impft Frankreich nun alle Einwohner ab 55 Jahren. Dadurch erhofft sich das Land, die überfüllten Intensivstationen zu entlasten.

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          Dank einer vorgezogenen Lieferung von 200.000 Dosen des Corona-Impfstoffes von Johnson & Johnson hat Frankreich am Montag seine Impfkampagne auf alle Franzosen ab dem Alter von 55 Jahren ausgeweitet. Bislang galt eine Altersgrenze von 70 Jahren für Menschen ohne Vorerkrankungen. Gesundheitsminister Olivier Véran kündigte an, dass der Abstand zwischen der ersten und der zweiten Impfung für die Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna von derzeit vier auf sechs Wochen verlängert wird. Durch diesen Aufschub können noch mehr Franzosen in den kommenden Wochen die erste Impfung erhalten.

          Michaela Wiegel
          (mic.), Politik

          Am Montag haben im ganzen Land die Schulferien begonnen. Sie wurden vorgezogen, um Ansteckungsketten durch die mittlerweile dominante britische Corona-Mutante  zu durchbrechen. In Frankreich arbeiten die Krankenhäuser derzeit an der Belastungsgrenze. Insgesamt 30.671 Covid-19-Patienten werden gegenwärtig in Krankenhäusern behandelt. Die Zahl der schwer erkrankten Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen ist auf 5838 angestiegen, das 9,3 sind Prozent mehr innerhalb einer Woche. Eigentlich verfügt Frankreich nur über rund 5000 Intensivbetten. In vielen Krankenhäusern werden jedoch Operationen verschoben und Patienten mit chronischen Erkrankungen abgewiesen. Besonders schlimm hat es die Hauptstadtregion Paris getroffen. Die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten in den Krankenhäusern im Umkreis von Paris beläuft sich derzeit auf 1769. Das sind deutlich mehr als auf dem Höhepunkt der zweiten Corona-Welle im November, als 1138 Erkrankte auf den Intensivstationen der Hauptstadtregion lagen.

          „Als würde jeden Tag ein Airbus abstürzen“

          In ganz Frankreich sind der vergangenen Woche täglich rund 300 Menschen in Krankenhäusern an den Folgen der Viruserkrankung gestorben. „Es ist, als würde jeden Tag ein Airbus abstürzen“, sagte Jean-Paul Stahl, Professor für Infektologie an der Uniklinik von Grenoble.  Frankreich könnte noch diese Woche die Schwelle von 100.000 Menschen, die mit oder an Covid-19 gestorben sind, überschreiten.

          Auch deshalb setzt die Regierung jetzt alles auf die Impfkampagne. Am Samstag wurden erstmals 284.102 Menschen geimpft. Das ist an Wochenenden ein neuer Rekord. Am Freitag wurden an einem Tag 510.000 Franzosen geimpft. „Wir beschleunigen immer mehr“, schrieb Präsident Emmanuel Macron am Freitag auf Twitter. Das selbstgesetzte Ziel von zehn Millionen Impfungen wurde bereits am 10. April mit fünf Tagen Vorsprung erreicht. Dabei empfiehlt Frankreichs oberste Gesundheitsbehörde die Impfung mit dem Impfstoff von Astra-Zeneca seit dem kurzzeitigen Impfstopp Mitte März nur noch für Menschen, die über 55 Jahre alt sind. Um die Kampagne weiter zu beschleunigen, sollen bei der ersten und der zweiten Impfung die Vakzine von Moderna und Biontech/Pfizer austauschbar sein. Dem Gesundheitsminister zufolge erlaube dies, schneller zu impfen. An Schutz verliere man nicht, da das Alter der Geimpften sinke und die Immunität in dieser Gruppe der Jüngeren ausreichend hoch sei. Präsident Macron hat versprochen, dass alle Erwachsenen, die sich impfen lassen wollen, bis Ende des Sommers eine Impfung erhalten sollen.

          Während alle Geschäfte, die nicht zum täglichen Bedarf gehören, geschlossen bleiben und ein striktes Reiseverbot innerhalb Frankreichs gilt, rüstet sich die Regierung für die Anfang Mai geplanten Lockerungen. Vom 3. Mai an sollen die Schüler der Mittel- und Oberstufe in den Präsenzunterricht zurückkehren, eine Woche nach den Vor- und Grundschülern. Frankreich hat sich Großbritannien zum Vorbild genommen und will allen Grundschullehrern vom 26. April an kostenlose Selbsttests zur Verfügung stellen. Die Lehrer der weiterführenden Klassen sollen vom 3. Mai an Selbsttests erhalten. Seit Montag werden die Selbsttests in den rund 8000 Apotheken des Landes verkauft.

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