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Gastbeitrag : Wie Estland zum digitalen Vorreiter geworden ist

  • -Aktualisiert am

No other country in Europe is more digitized: the old town of the Estonian capital Tallinn Bild: Reuters

Wer hätte vor zwanzig Jahren gedacht, dass Grenzbeamte ihren Teil der Landesgrenze von einem Mittelmeerstrand aus überwachen können? Inzwischen arbeitet Estland an einer Strategie für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Ein Gastbeitrag.

          Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass Social Media Manager einmal ein lukrativer Job sein würde? Oder dass man als reisender YouTuber genug Geld verdienen kann, um davon zu leben? Wer hätte sich vorstellen können, dass Grenzbeamten ihren Teil der Landesgrenze selbst weit entfernt, etwa auf einem Mittelmeerstrand, würden überwachen können? Neue Technologien werden unsere Leben weiter verändern, bestimmte Jobs kosten, andere schaffen und unsere Art zu arbeiten verändern. Effizienzgewinne durch die Digitalisierung und der breite Einsatz von Robotern könnten uns mit viel weniger menschlicher Zuarbeit in den Fertigungsketten leicht mit den für uns notwendigen materiellen Gütern versorgen.

          Zur englischen Fassung des Textes
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          Diese Veränderungen sind mindestens so tiefgreifend wie die industrielle Revolution. Allerdings gibt es dabei einen wichtigen Unterschied in der Art, wie unsere Gesellschaft heute funktioniert. Durch Bildung, Gesundheitsversorgung und Sozialsysteme können Staaten heute sicherstellen, dass die Kosten des Wandels nicht von der Gesellschaft ignoriert und ausschließlich von denen getragen werden, die beim Wandel am meisten zu verlieren haben – wenn sich die Staaten denn dieses Ziel setzen. Dieser Herausforderung ist der Wohlfahrtsstaat meines Erachtens gewachsen, wenn er seine Fähigkeit bewahrt und ausbaut, Leistungen fair anzubieten.

          Wir müssen einen technologieneutralen rechtlichen Rahmen entwickeln und sicherstellen, dass die Fähigkeiten der Menschen ebenfalls technologieneutral sind. Das heißt: Beide dürfen nicht von einer konkreten heutigen Technologie abhängig sein, da diese in stetem Wandel sind und sich schnell entwickeln. Zudem müssen wir lernen, öffentliche Dienstleistungen so effizient anzubieten wie Amazon Bücher verkauft – Verzicht auf physische Präsenz, keine Anwendungskosten, keine Öffnungszeiten. Darüber hinaus müssen wir erkennen, dass die neue Wirtschaft Steuern anders als die bisherige generieren wird und dass daher eine radikale Anpassung des Steuersystems an die neue Lage geboten ist.

          Kersti Kaljulaid, Präsidentin von Estland

          Das Beispiel Estlands verdeutlicht, wie der öffentliche Sektor den technologischen Wandel ohne nennenswerte Zeitverzögerung aufgreifen kann – ohne die Erwartungen der Menschen in die Qualität und Verfügbarkeit der angebotenen Leistungen zu enttäuschen. Mit gutem Grund wird Estland oft als genuin digitale Gesellschaft beschrieben. Über 95 Prozent der Steuererklärungen werden online gemacht. Um 100 Euro einzunehmen, gibt der Staat lediglich 40 Cent aus. Durch digitale Authentifizierungssysteme und die von der gesamten Bevölkerung genutzte digitale Signatur werden geschätzt bis zu zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes gespart.

          Treibende Kraft hinter diesem Wandel war nicht etwa einfach die Nutzung der neuesten technischen Anwendungen, oder ein „besonderer“ beziehungsweise einzigartiger Charakterzug der Esten. Vielmehr ist diese Entwicklung der Schaffung flexibler rechtlicher Rahmenbedingungen geschuldet. Zusammen mit der Plattform zum Datenaustausch „X-Road“ konnten wir bereichsübergreifende Interoperabilität sicherstellen und so Dienstleistungen digital anbieten.

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