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Recep Tayyip Erdogan : Eine Frage der Ehre

In der Türkei funktioniert das demagogische Spiel mit der Ehre des Volkes noch viel besser, denn während die Griechen spätestens seit dem Ende ihrer Militärdiktatur 1974 ein grundsätzlich anderes Staatsverständnis haben und in einem ungleich freieren Erziehungssystem mit viel mehr Auslandskontakten aufgewachsen sind, wird den Türken in den Schulen, in der Populärkultur und später im Militär immer noch ein Untertanengeist anerzogen, der in Westeuropa kaum noch vorstellbar ist. Trotzdem scheint er bis in Teile der türkischen Diaspora in Westeuropa hineinzuwirken.

In Erdogan steckt viel Atatürk

Diese Bildungspolitik ist keine Erfindung Erdogans, sondern ein Relikt der kemalistischen Erziehungsdiktatur, die der heutige Staatspräsident nur aufgegriffen hat und unter neuer Schwerpunktsetzung fortsetzen lässt. Überhaupt steckt in Erdogan viel Atatürk, nur unter islamischem Vorzeichen: Der Staat soll alles kontrollieren, und wenn er etwas nicht kontrollieren kann, muss er es abschneiden, verhaften, unschädlich machen, „neutralisieren“. Am besten durch einen einsamen, starken Mann an der Spitze, der die Ehre der von lauter Feinden umringten Türken verteidigt.

Istanbul : Erdogan wirft Merkel „Unterstützung von Terroristen“ vor

Erdogan wendet einen Ehrbegriff an, der ihm selbst in der Schule im Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa vermittelt wurde. Im Mittelpunkt dieses Ehrbegriffs sehen der Staat, das Volk und die Flagge. Vor einigen Jahren warb die AKP in einem Wahlkampf mit einem Spot, den einige faschistisch, andere unfreiwillig komisch nannten und der tatsächlich Züge von beidem hatte: Ein gesichtsloser Bösewicht macht sich an einem riesigen Fahnenmast zu schaffen und kappt das Drahtseil, mit dem die hoch droben flatternde türkische Flagge aufgezogen wurde. Die segelt langsam herunter, bleibt dann irgendwo auf halbmast hängen. Daraufhin läuft aus dem ganzen Land das Volk herbei und klettert, sich gegenseitig auf die Schultern steigend, am Mast empor, um die Fahne zu retten. Es sieht aus wie eine Mischung aus Ameisenhaufen und patriotischen Zombies. Schließlich gelingt es einem jungen Mann, das gekappte Ende des Seils zu fassen. Das Seil fest in den Händen, springt er lächelnd in die Tiefe, durch seinen Todessturz die Fahne hissend. Die Ehre der Fahne, des Volkes und des Staates sind gerettet.

Nationalkitsch verbindet Erdogan-Anhänger und Kemalisten

Natürlich gab es viele Türken, die diesen Spot lächerlich fanden. Aber insgesamt ist der türkische Nationalkitsch eines der wenigen verbindenden Elemente zwischen Erdoganisten und Kemalisten. Erdogan weiß genau: Wer sonst nichts hat, hat immer noch seine nationale Ehre – oder das, was ihm als diese hingestellt wird. Für die AKP ist die Anrufung der nationalen Ehre in schwierigen Lagen ein leichter Ausweg. Ehre entzieht sich dem Rationalen. Wer sie ins Spiel bringt, braucht keine Argumente mehr. Wer würde es schon wagen, lästige Detailfragen zur Besetzung des Hohen Rats der Richter und Staatsanwälte, den künftigen Befugnissen des Parlaments oder anderen Details des Verfassungsreferendums zu stellen, wenn gleichzeitig die Ehre der Nation auf dem Spiel steht?

Die Kernidee der Europäischen Union als Projekt des partiellen staatlichen Souveränitätsverzichts ist mit einer solchen Ideologie natürlich unvereinbar. Das hat nichts mit Erdogan zu tun, denn die Erdogans kommen und gehen, auch wenn es sich mit dem Gehen bisweilen etwas zieht. Es hat mit einem Erziehungssystem zu tun, das den Türken seit Generationen einredet, die Würde des Einzelnen sei verhandelbar, die des Staates dagegen unantastbar. Vor zehn Jahren begannen Erdogan und die AKP, mit diesem Dogma zu brechen. Inzwischen sind sie aber wieder dorthin zurückgekehrt. Wenn die Machthaber in Ankara die Ehre der Türkei anrufen, ist für den Einzelnen kein Platz mehr darin.

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