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Recep Tayyip Erdogan : Eine Frage der Ehre

Indem er die Europäer als islamophobe Türkenfeinde darstellt und sich selbst als unerschrockenen Verteidiger der türkischen Ehre, sollen insbesondere wahlberechtigte Türken in Europa dazu gebracht werden, für ihn zu stimmen. Bisher scheint das aufzugehen. Ein AKP-Abgeordneter behauptete, der Konflikt mit den Niederlanden habe der Regierung „mindestens zwei Prozentpunkte“ gebracht. Vor dem türkischen Konsulat in Rotterdam demonstrierten mehrere tausend aufgebrachte Türken für Erdogan. In Ankara sah sich der Oppositionsführer, der eigentlich gegen das Präsidialsystem ist, aus innenpolitischem Kalkül zu einer Solidarisierung mit der Regierung genötigt, da es derzeit kaum möglich ist, aus dem Konsens auszuscheren. Erdogan hat die Türkei in ein chauvinistisches Treibhaus verwandelt.

Kollektives Gekränktsein „gesamtmediterranes Phänomen“

Wenn erprobte Wahlkämpfer wie er auf das Narrativ der „beleidigten Ehre“ setzen, lässt sich getrost annehmen, dass nicht Emotionen, sondern Empirie den Ausschlag dafür gaben. Es funktioniert ja auch prächtig: Erdogan und die Seinen behaupten, die Ehre der Türkei sei beleidigt, und schon fühlen sich tatsächlich sehr viele sehr beleidigt. Man sollte sich allerdings hüten, das kollektive Gekränktsein als eine Art türkisch-muslimische Sonderdisziplin zu sehen. Der Ethnologe Werner Schiffauer hat die extrem emotionale Besetzung des Begriffs „Ehre“ in diesem Teil der Welt schon vor mehr als einem Jahrzehnt als „gesamtmediterranes Phänomen“ bezeichnet.

Ob sich Spanier oder Portugiesen heutzutage noch durch einen Rückgriff auf ihre nationale Ehre aufstacheln ließen, mag man zwar bezweifeln, doch ein Blick auf die griechischen Nachbarn der Türken bestätigt Schiffauers These zumindest zum Teil: Auch in Griechenland, einem EU-Mitglied seit 1981, ist man gern einmal staatstragend beleidigt. Vieles, was sich in diesen Tagen zwischen Türken und Europäern abspielt, hat sich ähnlich und zum Teil fast wortgleich schon in der knospenden griechischen Schuldenkrise zugetragen. Als eine deutsche Illustrierte Anfang 2010 auf ihrem Titelblatt eine Fotomontage zeigte, auf der die Venus von Milo zu sehen war – allerdings nicht als Torso, sondern mit einem Arm, den sie dem Betrachter samt ausgestrecktem Mittelfinger entgegenstreckte –, bestellte der griechische Parlamentspräsident den deutschen Botschafter ein, um sich bei ihm wegen der ehrabschneidenden Presseartikel über Griechenland zu beschweren. Es kam gar zu einem Prozess gegen die Illustrierte.

Als sich Finanzminister Wolfgang Schäuble und einige niederländische Politiker zwei Jahre später kritisch über die politische Klasse Athens äußerten, sah der damalige Staatspräsident Karolos Papoulias in nahezu Erdoganscher Manier die griechische Ehre verletzt: „Ich akzeptiere es als Grieche nicht, dass mein Land von Herrn Schäuble beleidigt wird. Wer ist denn Herr Schäuble, dass er Griechenland beleidigen kann? Wer sind denn die Niederländer?“ Zwar hatte Schäubles Kritik ausdrücklich nicht den Griechen, sondern nur ihrer politischen Klasse gegolten, doch schon aus Selbstschutz deutete die gewählte Elite den Angriff flugs zu einer Beleidigung des gesamten Volkes um. Dass zugleich griechische Zeitungen – so wie heute türkische – Angela Merkel mit Hakenkreuzbinde abbildeten, galt hingegen als normal.

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